'Still Alice - Mein Leben ohne Gestern': Ein Kampf gegen das Vergessen mit Oscar-Gewinnerin Julianne Moore

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Still Alice - Mein Leben ohne gestern
Alice (Julianne Moore) leidet an früh manifestiertem Alzheimer

5 von 5 Punkten

Erinnerungen sind das, was uns als Menschen ausmacht und was uns niemand nehmen kann - eigentlich. In Richard Glatzers und Wash Westmorelands Werk ‚Still Alice‘ wird ein Verlust jenseits des Todes inszeniert, der aber ebenso schmerzhaft sein kann: Der Verlust von Erinnerungen durch Alzheimer. Bewegend und mitreißend sehen wir eine brillante Julianne Moore, die ihren Oscar als beste Hauptdarstellerin mehr als verdient hat.

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Von Natalie Achenbach

Anfangs sind es nur vereinzelte Worte, die Alice (Oscar-Preisträgerin Julianne Moore, Die Tribute von Panem - Mockingjay‘) nicht mehr einfallen wollen. Als sie sich bei einem ihrer täglichen Joggingausflüge plötzlich nicht mehr orientieren kann, merkt die Linguistikprofessorin, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Die Diagnose des Arztes macht ihr nicht nur ein größer werdendes Loch in ihrem Kopf bewusst, sondern reißt auch gleich eines in ihr Herz: Alice leidet an früh manifestiertem Alzheimer, Heilungschancen gibt es nicht. Die 50-Jährige wird mitten aus ihrem Leben gerissen, während gleichermaßen ihre Krankheit Lücken in ihr Gedächtnis reißt. Und nicht nur hinter ihrem Schicksal steht ein großes Fragezeichen, denn die Krankheit der dreifachen Mutter ist vererbbar…

Ein Leben ohne Gestern, geht so etwas überhaupt? Haben wir nicht gerade jetzt, im digitalen Zeitalter, die besten Möglichkeiten, unsere Erinnerungen festzuhalten und nach Bedarf immer wieder aufzufrischen? Der Oscar-prämierte Film ‚Still Alice’ führt uns leider das Gegenteil vor Augen. Julianne Moore spielt hier herausragend und sehr einfühlsam eine Frau, die verzweifelt gegen das Vergessen ankämpft und doch nur wortwörtlich verlieren kann. Im Film macht sie eine emotionale Metamorphose durch, die aus der Expertin in der Kommunikation eine Expertin in der Kunst des Verlierens macht. ‚Still Alice’ zeigt zwar eine Krankheitsgeschichte, jedoch nicht automatisch eine Leidensgeschichte. Die Protagonistin ergibt sich nur selten ihrer Verzweiflung („Ich leide nicht. Ich kämpfe.“), sie lernt den Augenblick zu leben, anstatt in Erinnerungen zu schwelgen, die für sie immer entfernter werden.

Dichte Atmosphäre, emotionale Wucht

Still Alice - Mein Leben ohne gestern
Vor allem mit ihrer jüngsten Tochter (Kristen Stewart) hat Alice eine schwierige Beziehung

Trotz Julianne Moores starkem Spiel gehen die Charaktere um sie herum keinesfalls unter. Kristen Stewart (zuletzt ausgezeichnet mit einem César für ‚Die Wolken von Sils Maria’), die Alice‘ jüngste Tochter verkörpert und im Allgemeinen nicht unbedingt für ihre fröhliche Mimik bekannt ist, trägt mit ihrer ernsten Ausstrahlung zur dichten Atmosphäre des Films bei. Auch Alec Baldwin (‚Blue Jasmine‘), der Alice’ verständnisvollen Ehemann John spielt, macht an ihrer Seite einen soliden Job.

Die Regisseure Glatzer und Westmoreland übertragen die Kunst des Verlierens zudem auf die Bildebene. Hintergründe wirken manchmal verschwommen und blasse Farben versuchen gegen starke zu konkurrieren, der Geschichte wird so optisch der passende Rahmen gegeben. Die wichtige Frage der Identität ist zudem tragendes Thema des Films und wird bereits im Titel aufgegriffen. Bin ich noch ich selbst, wenn mir alles genommen wird, was mich ausmacht? Julianne Moore demonstriert hier, dass ein Blick in den Spiegel nicht mehr ausreicht, um zu wissen, wer man ist.

‚Still Alice – Mein Leben ohne gestern‘ entlässt einen nicht ohne ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend, vor allem, wenn einem ein Wort nicht auf Kommando in den Sinn kommen mag. Eine gestandene Frau wird langsam ihrer Eigenständigkeit, aber nicht ihrer Hoffnung beraubt – wahrlich eine Inspiration für alle, die mit dieser Krankheit leben müssen. Zwar wird Julianne Moore im Film so einiges entrissen, den verdienten Oscar kann ihr zum Glück jedoch keiner mehr nehmen.

Kinostart: 05.03.2015

Genre: Drama

Originaltitel: Still Alice

Filmlänge: 101 Minuten

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