Steven Spielberg setzt alles auf ein Pferd: 'Gefährten'

Filmkritik Gefährten Steven Spielberg David Kross
Albert (Jeremy Irvine) ist entschlossen, sein Pferd Joey zu zähmen und zu trainieren. © Andrew Cooper, SMPSP

3 von 5 Punkten

Wie kann man eine in vielen Ländern spielende Geschichte erzählen, wenn die Hauptfigur keine einzige Zeile Text hat, sondern ein Pferd auf der Suche nach seinem menschlichen Freund ist? Steven Spielberg schafft mit seinem neuen Drama diesen Spagat und schickt den tierischen Hauptdarsteller auf eine Reise quer durch den Ersten Weltkrieg. Herausgekommen ist eine episodenhafte Odyssee voller Emotionen und Spannung – stets aber auch an der Schwelle zu extrem rührseligem Pathos. Und da so etwas in Hollywood bekanntlich immer zieht, gab's zur Belohnung auch sechs Oscar-Nominierungen, darunter eine in der Kategorie 'Bester Film'.

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Ob sich der neue Streifen Spielbergs bei der Verleihung der 'Academy Awards' aber wirklich durchsetzen kann, bleibt abzuwarten, hat der Film doch starke Konkurrenz. Besonders Martin Scorseses Fantasy-Epos 'Hugo Cabret' werden hervorragende Oscar-Chancen eingeräumt. Dabei hat 'Gefährten' eigentlich (fast) alles, was ein Film braucht, um bei den Oscars gehörig abzusahnen: Eine mitreißende Story, tolle Bilder, viel Pathos, Spannung, und eine ungewöhnliche Geschichte: Nämlich die der Freundschaft eines Jungen zu seinem Pferd. Klingt gewöhnungsbedürftig, doch Spielberg hat aus dem erfolgreichen britischen Kinderbuch und Bühnenstück 'War Horse' ein episodenhaftes Epos geschaffen, das Eltern und Kinder gleichermaßen begeistern und zu Tränen rühren dürfte. Manch einem dürfte die für Spielberg so typische Rührseligkeit aber auch ein bisschen zuviel des Guten sein.

Die Reise von 'Gefährten' beginnt an der Schwelle zum Ersten Weltkrieg, als eine britische Bauernfamilie bei einer Auktion einen feurigen Hengst ersteht, ohne tatsächlich das Geld für den Kauf zu besitzen. Das Pferd namens Joey soll dabei helfen, den steinigen Acker der Familie umzupflügen, um die unbarmherzigen Pächter zu besänftigen. Doch das ist schwieriger als gedacht, und führt daher zu ständigen Streitereien zwischen Ted (Peter Mullan, 'Children Of Men') und Rosie Narracott (die bereits zweifach Oscar-nominierte Emily Watson, 'Hilary & Jackie', 'Gosford Park'). Aber ihr Sohn Albert (Neuentdeckung Jeremy Irvine) ist entschlossen, das Pferd zu zähmen und zu trainieren, um aus Joeys verheißungsvollen Talenten möglichst viel herauszuholen. Schnell werden die zwei unzertrennlich und Albert zum leidenschaftlichen Pferdeversteher.

David Kross beeindruckt als deutscher Soldat

Filmkritik Gefährten Steven Spielberg David Kross
Der deutsche Soldat Gunther (David Kross) setzt alles daran, seinen jüngeren Bruder zu retten.

Doch es kommt, wie es kommen muss: Bei Kriegsausbruch werden sie auseinandergerissen, Joey wird an einen britischen Kavallerieoffizier verkauft und muss an die Front. Und war der Film bis dahin so zuckrig-klebrig wie die Marmelade, die auf den Regalen der bäuerlichen Küche steht, geht es auf den Schlachtfeldern in den Wirren des brutalen Kriegs schon wesentlich rauer zu. Joey zieht Ambulanzkutschen über die Schlachtfelder, hilft deutschen Soldaten auf der Flucht, beflügelt die Fantasie eines französischen Mädchens und schleppt riesige Kanonen auf Berge. Aus einem einfachen Pferd wird ein tierischer Held. Und aus dem pathetischen Film wird ein Kriegsdrama, das haarscharf an der Grenze zum unerträglichen Kitsch entlangtorkelt.

Dass diese Grenze meistens nicht überschritten wird, liegt vor allem an den Darstellern, die in den einzelnen Episoden der gefährlichen Odyssee Joeys zum Einsatz kommen. Der deutsche Schauspieler David Kross ('Same Same But Different') etwa, der sich seit seiner großen Rolle als 'Der Vorleser' an der Seite von Kate Winslet zum richtigen Geheimtipp in Hollywood entwickelt hat, überzeugt als deutscher Soldat, der in den Kriegswirren seinen jüngeren Bruder retten will. Nur Spielbergs Haus- und Hofkomponist John Williams, dessen Musik seit 1974 untrennbar mit allen Spielberg-Filmen verbunden ist, sorgt mit seinem rührseligen Soundtrack immer wieder dafür, dass einem das Popcorn mitunter im Halse stecken bleiben möchte: Den sentimentalen Klischees eines Steven Spielberg kann man sich nur schwer entziehen. Dennoch tut zu viel Kitsch nicht gut. Gäbe es dafür einen Oscar – er wäre dem Film garantiert sicher.

Von Norbert Dickten

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