"Steve Jobs": Viele Unwahrheiten ergeben keine Wahrheit

"Steve Jobs": Viele Unwahrheiten ergeben keine Wahrheit
Michael Fassbender als "Steve Jobs" © Universal Pictures

Steve Jobs ist während seiner Schaffenszeit bei Apple beinahe selbst zur Marke geworden. Dass der bebrillte Rollkragenpulli-Träger keine leicht zu knackende Nuss ist, zeigt die immense Fülle an Biografien und Dokumentationen, die seit seinem Tod auf den Markt geworfen wurde. Jeder wollte der Frage auf den Grund gehen: Wer war Steve Jobs? Nun machte es sich der Brite Danny Boyle (59, "Slumdog Millionaire") zur Aufgabe, diese Frage zu beantworten.

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Guter Film, schwaches Porträt

Dabei ist es beinahe ein Segen, dass die Gurke "Jobs", in der ausgerechnet Ashton Kutcher die Hauptrolle spielte, Boyles Kinofilm "Steve Jobs" (ab 12.11. im Kino) zuvor kam. Schlimmer konnte es schließlich kaum noch werden.

 

Weniger Biografie als Charakterstudie

 

Und tatsächlich macht der Film vieles goldrichtig. Anstatt Jobs' Leben langatmig von der Wiege bis zum Grab nachzuerzählen, nimmt sich der Film drei wichtige Produkt-Launches von 1984 bis 1998 vor und zeichnet anhand der Ereignisse unmittelbar vor der Präsentation des Mac, von NeXT und des iMac ein Bild des verschrobenen Genies.

Bemerkenswert ist auch die Besetzung, von der stets überzeugenden Kate Winslet (40) als Jobs' unerschütterliche Marketing-Chefin Joanna Hoffman und Casting-Geniestreich Seth Rogen (33) als Steve Wozniak. Die Hauptrolle war durch viele Hände gegangen, bis schließlich der Ire Michael Fassbender (38, "Shame") den Zuschlag bekam, der Jobs in etwa so ähnlich sieht wie Winslet. Doch seine kraftvolle Darstellung eines ehrgeizigen Egomanen lässt das schnell vergessen.

Drehbuchautor Aaron Sorkin (54) nahm sich außergewöhnlich viel kreative Freiheit bei der Adaption der Jobs-Biografie von Walter Isaacson. Die Entscheidung, es mit der Realität nicht allzu genau zu nehmen, erscheint für ein Biopic auf den ersten Blick wunderlich. Doch sollte der Film genau das nicht werden. Drehbuchautor Aaron Sorkin strebte vielmehr eine Charakterstudie an als eine punktgenaue Biografie.

Doch genau da scheitert der Film. In seinem Anliegen, einen Blick in den Kopf von Steve Jobs zu werfen, füttert der Film exakt die Erwartungen: Jobs, der Egomane. Jobs, der Choleriker. Jobs, das Genie. Jobs, der unzulängliche Vater, Kollege und Freund. Doch wirkt das Bild, das sich über zwei Stunden zusammenfügt, arg konstruiert. So wie die Geschehnisse und Nebencharaktere zum Wohle des Gesamtbildes verzerrt wurden, bleibt auch die Hauptfigur letztendlich eine fiktive Version des realen Jobs.

 

Schon jetzt Oscar-Geflüster

 

Jobs' weiche Seite kommt vor allem dann zum Vorschein, wenn seine uneheliche - und lange verleugnete - Tochter Lisa die Spielfläche betritt. Das tut sie denn auch prompt vor jedem Launch. Die Beziehung zwischen Jobs und ihr bekommt außerordentlich viel Raum in der Geschichte, die seine anderen Kinder und seine Frau L. Powell dagegen komplett außen vorlässt. Bisweilen gefährlich nah an der Grenze zum Melodram erlangt sie jedoch nie die Spannung der Wortgefechte zwischen Jobs und Wozniak.

Die Medien sehen "Steve Jobs" schon als sicheren Kandidaten für die wichtigsten Preise in Hollywood inklusive dem Oscar. Ganz unberechtigt ist das nicht. Denn Boyle ist ein fesselndes Kammerspiel gelungen. Der Film funktioniert als Charakterstudie eines eigensinnigen, einsamen Unternehmers - ob das nun Jobs ist oder jemand anderes.

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