'Spring Breakers' Filmkritik: Ballernde Bikinimiezen

'Spring Breakers' Filmkritik: Ballernde Bikinimiezen
© dpa, Wild Bunch

4 von 5 Punkten

Obszöne Gesten und knapper Neon-Bikini: So haben wir Vanessa Hudgens noch nie gesehen. Zusammen mit drei weiteren Bikinimiezen fährt sie in ihrem neuen Film zum Spring Break nach Florida. Wenn die vier Girls sich mal was überziehen, dann Sturmmasken, um ein Diner auszurauben. Klingt nach einem billigen Actionfilmchen mit halbnackten Hauptdarstellerinnen, doch Vorsicht: Arthouse-Ausnahmeregisseur Harmony Korine ('Mister Lonely', Drehbuch zu 'Kids') führt Regie bei 'Spring Breakers' und besetzt Ex-Disney-Girls wie Vanessa Hudgens und Selena Gomez, die sich hier richtig was trauen, völlig gegen ihr Sauberfräulein-Image.

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Im Trailer sieht alles noch so aus, wie man es auch in einem Popcorn-Film präsentiert bekäme: 'High School Musical'-Schönheit Vanessa Hudgens, Justin-Bieber-Exfreundin Selena Gomez, Serien-Sternchen Ashley Benson und die Gattin des Regisseurs, Rachel Korine, räkeln sich in knappen Badeklamotten zu grooviger Musik, und James Franco darf als rastabezopfter DJ Alien mit Rapper-Gebiss mal so richtig die Sau rauslassen. Doch bereits im Vorspann ahnt man, dass das hier alles nicht so ernst gemeint ist. Ein bisschen zu exzessiv zucken die durchtrainierten Körper der Statisten am Strand in Florida, ein bisschen zu lang wird die Eröffnungssequenz durchgehalten, in der das Bier in Strömen fließt.

Wiederholung entlarvt Oberflächlichkeit

'Spring Breakers' Filmkritik: Ballernde Bikinimiezen
© dpa, Wild Bunch

Die vier Tussis, die so dringend zum nationalen Besäufnis Spring Break wollen und in der Vorlesung in freudiger Erwartung männliche Genitalien auf ihre College-Blocks kritzeln, turnen auf dem Flur ihres Studentinnenwohnheims eine laszive Choreografie, als machten sie Trockenübungen fürs Synchronschwimmen. Kohle fürs Gelage haben sie keine, also klauen sie ein Auto und räumen brutal ein Tankstellenrestaurant aus – weil sie es eben können, und weil sie in einer Gesellschaft leben, deren 'amerikanischer Traum' darin besteht, dass man sich einfach nimmt, was man will. Geraubt wird hier schlicht aus Gier, um an einem überflüssigen Party-Event teilzunehmen, das die finanziellen Möglichkeiten der eigenen Klasse übersteigt. Vernichtender kann Gesellschaftskritik kaum ausfallen. Mit hinreißend schrägen Ideen – darunter eine herrliche Persiflage auf Britney Spears' alten Hit 'Everytime' mit James Franco am weißen Flügel und drei der Mädels in Bikinis und Masken verortet er seine Geschichte in der Popkultur, deren Oberflächlichkeit er zugleich entlarvt.

Dass es Harmony Korine, der nie am Schönen in seinem Heimatland interessiert war, sondern eher am Absurden und Absonderlichen, nicht um eine Verherrlichung des Frühlings-Feierns geht, kann man eher in den Zwischentönen lesen. Vordergründig zelebriert er vier starke Protagonistinnen, die nur optisch Rollenklischees bedienen. Durch die konsequente und sehr kunstvoll gestaltete Wiederholung führt er das Gezeigte aber ad absurdum und legt eine andere Lesart nahe. Nach anderthalb Stunden Bikini-Overkill findet garantiert niemand mehr die zuckenden Körper antörnend. Man kann einfach keine halbnackten Feiernden mehr sehen.

Wer also eine linear erzählte Story mit Wendepunkt und eindeutigem Ende erwartet, wird verstört zurückgelassen. Konventionell ist hier nur eins: die Prüderie bei den Sexszenen. Die Mädchen, insbesondere die Ehefrau des Filmemachers, müssen viel herzeigen, bei den Männern wird jedoch verklemmt weggeblendet. Für die Schauwerte sind in der US-Kultur eben die Frauen zuständig – auch bei einem Indie-Regisseur wie Harmony Korine. Menschen, die mit den aufgebrochenen Erzählweisen des Arthousekinos vertraut sind, könnten sich hingegen an der poppigen Aufmachung mit viel Soundtrack stören – und an der ausufernden Zurschaustellung von jugendlichem Fleisch. Ob man das alles mag oder nicht: Ein Fest fürs Auge ist Korines Bilderrausch allemal – und ein Film, der auch lange nach dem Abspann noch zum Nachdenken anregt.

Von Mireilla Zirpins

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