Soziopath in Perfektion: In 'Nightcrawler' geht Jake Gyllenhaal über Leichen

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Soziopath in Perfektion: Jake Gyllenhaal in 'Nightcrawler'
Für die perfekte Story rückt Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) den Tatort ins perfekte Licht.

4,5 von 5 Punkten

Hollywood, aufgepasst, der nächste Oscar-Anwärter steht in den Startlöchern! Jake Gyllenhaal ist derzeit auf der Überholspur und legt mit jeder neuen Rolle die Latte immer höher. Nachdem er zuletzt in 'Prisoners' neben Hugh Jackman und in 'Enemy' in einer Doppelrolle sein Können unter Beweis gestellt hat, setzt Jake Gyllenhaal mit seinem neuen Werk 'Nightcrawler' von Regisseur Dan Gilroy zu einem weiteren Geniestreich an. Trotz einer Nominierung in 2006 für seine Rolle in dem Epic-Drama 'Brokeback Mountain', schien der Oscar für ihn nie näher gewesen zu sein.

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Von Alexandra Mölgen

Jake Gyllenhaal ist der typische Schwiegersohn-Typ, der das Publikum bislang vorwiegend mit Mainstream-Projekten beglückte. Doch hinter der Strahlemann-Fassade steckt sehr viel Wandelbarkeit – und die hat sich der 33-Jährige in seinen letzten Filmen zu Nutze gemacht. Es sind keine typischen Blockbuster-Streifen, in denen der Hollywood-Star seit dem vergangenen Jahr brilliert, sondern tiefgründige, düstere Filme mit sehr anspruchsvollen Rollen. Vom charismatischen Frauenschwarm zum facettenreichen Charakterdarsteller - das gleiche Phänomen ließ sich vor Jahren bereits bei Leonardo DiCaprio beobachten. Und nun ist es Jake Gyllenhaal, der in seinem neuen Film 'Nightcrawler' menschlich und vor allem körperlich an seine Grenzen geht.

Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) ist ein verschrobener Einzelgänger, der trotz jahrelanger Bemühungen keinen vernünftigen Job findet und sich mit Diebstählen im schnelllebigen Los Angeles seinen Lebensunterhalt verdient. Obwohl die Zukunft für ihn alles andere als rosig ist, legt er einen beinahe psychotischen Optimismus an den Tag. Während einer seiner nächtlichen Streifzüge sieht Lou seine Chance endlich gekommen. Er beobachtet zufällig, wie ein Kameramann kurz nach einem schweren Autounfall die Rettung einer Frau filmt, um das Material an den höchstbietenden TV-Sender zu verkaufen. Von der Sensationslust und dem Lockruf des schnellen Geldes getrieben, kauft sich der Klein-Ganove vom Erlös eines geklauten Fahrrads eine Videokamera und einen Receiver – und ein neuer 'Nightcrawler' war geboren …

Jake Gyllenhaal in 'Nightcrawler'.
In seinem Job als 'Nightcrawler' geht Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) über Leichen.

Wie die Geier sitzen die 'Nightcrawler' Nacht für Nacht in ihren Autos und hören den Polizeifunk ab. Wurde der Code entschlüsselt und es handelt sich um einen dramatischen Unfall – und damit automatisch um einen lukrativen Job - stürmen sie zum Ort des Geschehens. Doch in diesem Job kommt es nicht nur auf eine heiße Story an, sondern wie so oft im Leben zählt auch hier: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ohne jede moralische Skrupel jagt er wie eine Hyäne durch die Stadt der Engel und schlägt aus dem Leid anderer Profit. Mit perfiden Plänen erpresst er die Menschen in seinem Umfeld, und wenn die Story mal nicht gewinnbringend genug ist oder die Aufnahmen nicht spektakulär genug sind, wird ein Tatort kurzerhand 'umgestaltet'. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen und macht auch vor Menschen, die ihm Nahe stehen, keinen Halt. Von der Sucht nach Anerkennung getrieben, nimmt sein Größenwahn immer drastischere Ausmaße an.

Ohne Frage ist 'Nightcrawler' Jake Gyllenhaals bislang bester Film. Seine schauspielerische Leistung ist oscarverdächtig. Er brilliert in der Rolle des skrupellosen Kameramannes und zeigt in dem Thriller nicht nur die dunkle Seite des Geschäfts, sondern auch die Abgründe der menschlichen Seele. Ein Soziopath in Perfektion – anders kann man es nicht sagen. Es ist beinahe schon beängstigend, wie authentisch Gyllenhaal den perfiden Charakter spielt. Visualisiert wird die kaputte Psyche von Lou durch seine abgemagerte Erscheinung. Knapp 14 Kilogramm hat der Hollywood-Star für die Rolle abgenommen, um Lous Hunger nach Sensation auch optisch zum Ausdruck zu bringen.

Auch ohne die Einbindung von Spezialeffekten liefert 'Nightcrawler' bildgewaltige Szenen auf der Leinwand. Die nächtlichen Hetzjagden durch die Stadt und das kaltblütige Handeln sowie die unglaublich ausdrucksstarke Mimik des Hauptdarstellers bannen den Zuschauer von der ersten Minute an. Auch wenn der Film kein Mainstream ist, so wird der Inhalt vielen – wenn auch nicht unter solch verschärften Aspekten - vertraut vorkommen: der Druck in unserer Gesellschaft wird immer größer und alle versuchen, sich im Haifischbecken durchzusetzen und zu überleben. Allein das erschreckende Ende ist etwas überspitzt dargestellt.

Kinostart: 13.11.2014

Genre: Thriller

Originaltitel: Nightcrawler

Filmlänge: 117 Minuten

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