Soderberghs eiskalter Viren-Thriller 'Contagion'

4 von 5 Sternen

Wetten, dass Sie sich nach Steven Soderberghs neuem Film als erstes die Hände waschen werden? Der Kultregisseur ('Ocean's Eleven', 'Erin Brockovich', 'Out Of Sight') schürt in seinem Katastrophenfilm die Angst vor einer Pandemie und lässt dabei manchen Topstar sang- und klanglos das Zeitliche segnen. Wer von dem stargespickten Cast überlebt - Marion Cotillard, Matt Damon, Jude Law, Kate Winslet, Laurence Fishburne oder Gwyneth Paltrow?

Es ist nicht zu viel verraten, wenn wir jetzt schon sagen, dass Gwyneth Paltrow unter den Opfern ist. Schließlich fällt sie in den ersten fünf Minuten schon mit Schaum vorm Mund zu Boden, kurz nachdem sie Matt Damon auf dem Heimweg von Hongkong mit ihrem Ex betrogen hat. Doch bevor Matt Damon oder der Zuschauer irgendeine Form von Trauer entfalten kann, stirbt schon Damons kleiner Sohn, und eine medizinische Kreissäge trennt in der Obduktion Paltrows Skalp von ihrem bläulichem Haupt. Wann wurde ein Thriller, der mit dem menschlichen Elend einer Pandemie spielt, so eiskalt und herzlos begonnen?

Als erfahrener Zuschauer weiß man: Wenn ein A-List-Star als dramaturgisches Kanonenfutter verwendet wird und ein Kind stirbt, darf man nicht sicher sein, dass überhaupt jemand überlebt. Besonders fies: Das Szenario ist so unglaublich realistisch. Sars, H1N1, Ehec – jedes Jahr erleben wir neue gesundheitliche Bedrohungen. Die Medien überschlagen sich in hysterischer Berichterstattung, die Schweinegrippe wurde nach heutiger Ansicht zu schnell zur Pandemie hochgestuft. Irgendwann reagieren Öffentlichkeit und Behörden mit gelangweilter Abstumpfung. Und genau da setzen Steven Soderbergh und sein Drehbuchautor Scott Z. Burns ('Der Informant', 'Das Bourne Ultimatum') an.

- Anzeige -

Extrem realistisches und verstörendes Szenario

Was, wenn nach der Schweinegrippe nun wirklich ein tödliches Virus so um sich griffe, dass der Status einer weltweiten Seuche gerechtfertigt wäre? Würde die WHO erneut das Risiko einer frühen Pandemie-Warnung eingehen? Wie lange dauert es, bis die Öffentlichkeit erfährt, wie groß die Gefahr wirklich ist? Wie lange, bis ein Impfstoff gefunden und vor allem zugelassen wird? Und wer bekommt ihn dann zuerst? Wie reagiert die Bevölkerung auf existenzielle Bedrohung, Ausgangssperre und Verknappung von Heilmitteln, Nahrung und Energie? Diese zahlreichen und erschreckend lebensnahen Fragen verlegt Soderbergh auf die vielen, manchmal etwas unausgereiften Figuren seines Allstar-Ensembles.

Da ist Matt Damon als einfacher Mann aus dem Mittelwesten, der Frau und Kind verloren hat und um jeden Preis sein zweites Kind schützen will. Da ist Marion Cotillard, die für die Weltgesundheitsbehörde versucht, Patient Null aufzuspüren. Und da sind Kate Winslet und Laurence Fishburne von der Seuchenschutzbehörde, die gegen die Zeit kämpfen und einen ganzen US-Bundesstaat unter Quarantäne stellen lassen, weil Gwyneth Paltrow vor ihrem Tod zu viele Menschen angehustet hatte.

Und da sind all die armen Menschen, die sich im Bus oder im Büro mit dem mörderischen Erreger infizieren. Ihren Infektionswegen folgt Soderbergh unemotional und unerbittlich mit der Kamera, demonstriert, dass einfachste Hygieneregeln wie Hände waschen und Mundschutz nur funktionieren, wenn potenzielle Opfer aufgeklärt sind über die Gefahr. Eindrucksvoll führt vor, wie aussichtslos dieses Unterfangen in unserer globalisierten Welt voller Egoisten doch ist.

Dass in der zweiten Hälfte manche Figur vernachlässigt wird und Soderbergh am Ende mit seinem unterkühlten Erzählstil bricht und arg auf die Tränendrüse drückt, enttäuscht allerdings – genauso wie der in diesem Genre übliche Unkenrufer. Der wird diesmal gespielt von Jude Law und ist ein Blogger, der so gerne Investigativjournalist wäre, auf dessen Warnungen aber niemand hören will – mit Sicherheit die ärgerlichste Figur des Films. Trotz dieser Schwächen ist Soderberghs Killerviren-Thriller extrem verstörend. Sollte im Kino hinter Ihnen jemand husten, werden Sie sich umsetzen und sich nach der Vorstellung sehr gründlich die Hände desinfizieren.

Von Mireilla Zirpins

— ANZEIGE —