So männlich war er noch nie: Johnny Depp in „Public Enemies“

So männlich war er noch nie: Johnny Depp in „Public Enemies“

Von Mireilla Zirpins

Johnny Depp endlich mal nicht als geschminkter Knallkopf, sondern als knallharter Kerl –allein das Grund genug, sich Michael Manns Gangsterdrama „Public Enemies“ anzusehen. Doch der „Heat“-Regisseur hat in seinem Abgesang auf die Ganoven-Ära der 30er Jahre noch viel mehr zu bieten.

Christian Bale zum Beispiel, der als verbissener Ermittler Melvin Purvis mit für die 30er Jahre äußerst modernen Methoden Jagd macht auf John Dillinger (Johnny Depp), den meistgesuchten Gangster seiner Zeit. Der sieht in Maßanzug und mit echter Männerfrisur einfach umwerfend aus, kann aber auch ein ziemliches Ekel sein. Schon bei seiner ersten Verhaftung lässt er keinen Zweifel an seiner Brutalität aufkommen, denn seine Einlieferung in den Knast endet gleich mit einem Massenausbruch, bei dem Dillinger einige Leute auf der Strecke lässt.

Auch das Garderobenmädchen Billie Frechette (Marion Cotillard, die seit ihrer Oscar-Dankesrede mit viel französischem Akzent erstaunlich gut Englisch gelernt hat) macht erstmal Bekanntschaft mit Dillingers schlechten Manieren. Ein einer sensationell lakonischen Szene hilft der Bankräuber alter Schule einem unbeteiligtem Gast brutal aus dem Mantel und Billie gentlemanlike in den ihren. Sie steht drauf, und er auf sie. Und bald ist klar, dass seine Schwäche für schicke Klamotten und das Mädchen ihm zum Verhängnis werden könnte.

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So männlich war er noch nie: Johnny Depp in „Public Enemies“

Doch so einfach ist es für FBI-Mann Melvin Purvis nicht, Dillinger zu überführen, und das, obwohl der Gangster einer der letzten seiner Art ist: Old-fashioned, aber durchaus effektiv räumt der Verbrecherkönig mit seiner Band eine Bank nach der nächsten aus und hat die Bevölkerung der Depressionszeit weitgehend auf seiner Seite. Denn er stiehlt den geldgierigen Kreditinstituten nur das, was sie ihrerseits den Bedürftigen genommen haben.

Doch die Polizei wächst mit ihren Aufgaben, und Dillinger inspiriert Edgar J. Hoover (gespielt von Billy Crudup) sogar zur Gründung des Federal Bureau of Investigation. Die Analogie zur Terroristenjagd unserer Zeit, bei denen die Verbrecher oft die Inspiration zur Entwicklung von High-Tech-Ermittlungsmethoden sind, ist unübersehbar. Und trotzdem ist „Public Enemies“ vor allem ein melancholischer Rückblick auf eine Epoche.

Geradlinig, schnörkellos und mit den astreinen Bildern von Dante Spinotti erzählt Michael Mann das Duell des „Clark Gable des FBI“ gegen den charismatischen Outlaw. 143 Minuten sind zwar eine Herausforderung für die Gesäßmuskulatur, aber man sitzt sie gern durch, wenn der Johnny Depp in der wohl männlichsten Rolle seiner Karriere dem schmallippigen Christian Bale Paroli bietet. "Public Enemies" ist sicher nicht der beste Film von Michael Mann, das Ende kommt ein bisschen banal daher, und auf Actionfeuerwerk wartet man vergebens. Wenn man darauf verzichten kann, genießt man schönes, altmodisches Erzählkino für Erwachsene – ganz ohne Materialschlachten und sprechende Roboter. Wo bekommt man das heute noch geboten?

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