So landet Jan Böhmermann einen Klick-Hit nach dem anderen

So landet Jan Böhmermann einen Klick-Hit nach dem anderen
Jan Böhmermann hatte schon im Winter - hier in der Talkshow "Bettina und Bommes" - gut Lachen © ddp images

Das Sommerloch kommt so zuverlässig wie das Sommergewitter: Wenn über Deutschland die Hitzewellen und die Zuschauer sonnencremeverklebt am Badesee liegen, dann sinken im TV die Quoten, die Brisanz der Nachrichten und das Niveau. Aber natürlich muss in den Zeiten der digitalen Medien das Fernsehgesetz keine eiserne Regel für das ganze Land mehr sein. Den Beweis tritt gerade Jan Böhmermann ("Förderschulklassenfahrt 2") an. Der 32-Jährige hat eben erst in den Feuilletons den Sprung vom "Moderator" zum "Satiriker" geschafft - und sammelt mitten in der Sauregurkenzeit tausende Retweets und Millionen Youtube-Views.

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Der König der Sommerpause

Erst legte sich Böhmermann öffentlichkeitswirksam mit dem Kollegen Dieter Nuhr an, der platte Witze über die Griechenlandkrise riss - ein Twitter-Kracher. Dann setzte der ZDF-Star gemeinsam mit Klaas Heufer-Umlauf (31, "Circus Halligalli") nach: Ein Video, in dem die beiden nicht viel anderes taten, als die polternden Schlagzeilen großer deutscher Medien zur griechischen Schuldenmisere zu rezitieren, wurde am Hochsommerwochenende zum viralen Hit. Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel ließ sich in die Sause mit herein ziehen. Und stand am Ende - wie Nuhr - etwas bedröppelt da.


Fragt sich nur: Wie stellt Böhmermann das an? Wie wird man mit einem Thema, dass dem Publikum - mindestens verglichen mit Softeis und der kommenden Bundesligasaison - so zum Hals heraushängt zum Dauer-Hinklicker? Natürlich gibt es ein paar klare Antworten.


Erfolgsrezept #1: Mal den anderen Instinkt ansprechen

Böhmermann hat sich dieses Jahr als satirischer Griechenland-Experte ins Bild gespielt. Zu einer Misere, die seit Monaten und Jahren die Mainstream-Medien zu national-gefärbten Parolen anregt, wechselt er einfach mal radikal den Blickwinkel. Den griechischen (Ex-)Finanzminister Yanis Varoufakis hat er in einem virtuous-sarkastischen Clip derart überdämonisiert, dass auf einmal auch das Entsetzensgeheul so mancher deutscher Medien grotesk und albern wirkte.


Und wo "Bild"-Zeitung und Co. eine Frontenbildung "wir und unser Geld" gegen "die Griechen" setzen oder Dieter Nuhr die Situation zugunsten des schnellen Lachers arg vereinfacht, setzt Böhmermann einfach den Gegenpunkt: Statt die Instinkte "Besitzstandwahrung" und "Abschottung" spricht er in einer EU - die sich offiziell schon lange als feste Solidar-Gemeinschaft sehen wollen würde - das Helfer-Gen und die Humanität an. Und siehe da, es schlummert beides auch in den Deutschen. Eigentlich keine Überraschung.


Erfolgsrezept #2: Glaubhafte Wut

Böhmermann zeigt sich dieser Tage als sarkastisch-zynischer Kritiker. Wenn er mit Heufer-Umlauf die deutschen Griechenland-Empörten als trotzige Dekadenzlinge darstellt, ist das natürlich eine schön heftige Nummer - aber auf die Idee, im weißen Bademantel auf dem Bett herumzuspringen und "das ist unser Geld, unser deutsches Geld!!" zu heulen, müsste man erst mal kommen... wenn man die ganze Diskussion nicht selbst wirklich ernstlich beschämend und albern fände.


Dass Böhmermann das tut und dass dieser Umstand ein Motor für seine Kreativität - und spätabendliche Twitter-Posts zum Thema - ist, davon darf man ausgehen. Der Webseite "RP Online" erzählte Böhmermann unlängst, es sei "nicht berechnend", wenn er gesellschaftliche Themen anspreche. "Mir wird bewusst, dass das, was ich mache, nur deshalb funktioniert, weil ich Dinge aus meiner Lebenswelt in meinen Beruf ziehe. Ein Schauspieler bekommt Texte geschrieben, ich muss mir meine Texte selbst bauen", sagte er. Und: "Es macht mir einfach Spaß, dumme Vollidioten zu ärgern, die im Unrecht sind", wie Böhmermann im Interview mit dem "Playboy" betonte.


Erfolgsrezept #3: Fernsehen mit den Mitteln des Internet - und umgekehrt

Wenn Böhmermann nun unter meist berechtigtem Applaus den lauten Pseudo-Konsens über die "Pleite-Griechen" infrage stellt und bitterböse gegen bequeme Vorurteile wettert - dann kann er das vor allem, weil er die Möglichkeit des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens mit denen des Internet kombiniert. Böhmermann ist ein kleiner Star, er bekommt die Budgets für professionelle Videos zusammen und hat den Namen, um eine Zuschauerschaft und den SPD-Vorsitzenden zu erreichen. Aber Böhmermann wäre momentan auch nur ein stummer Teil des Sommerlochs, wenn er nicht das Netz für seine Zwecke nutzen würde.


Dank Twitter und Online-Videos braucht er nun keinen Sendeplatz und keine Spalte für einen Gastkommentar, um vor einem Millionenpublikum die "Bild" abzuwatschen und Dieter Nuhr kontra zu geben. Auch kein Vorgesetzter kann ihm so recht verbieten, im Internet eine nur vermeintlich unpopuläre Meinung herauszuposaunen. Da nutzt also ausgerechnet ein Fernsehmann das Netz, um zu zeigen, dass es auch in Deutschland mehr Meinungen und mehrheitsfähige Haltungen gibt, als den oft plumpen vermeintlichen Mainstream.


Manchmal fällt Böhmermann der nächste Witz dabei dann regelrecht in den Schoß. Wenn der Berliner CDU-Politiker Lars Zimmermann twittert, die Griechenland-Krise habe offenbart, "was für eine abgekoppelte Parallelwelt dieses #Twitter ist", dann kann der Krisen-Satiriker das unkommentiert zitieren. Weil nicht jede Parallelwelt "abgekoppelt" und irrelevant ist, bloß weil man ihr bislang erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Böhmermann weiß das - und ist dieser Tage vor allem dabei, kräftig zusammenzukoppeln.



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