So fing alles an: X-Men - Erste Entscheidung

4,5 von 5 Punkten

Die Mutanten sind wieder da: Zwei Jahre nach dem eher zähen 'Wolverine' erfahren wir in dem spektakulären Prequel 'X-Men: Erste Entscheidung' endlich, wie und warum die anfänglichen Freunde Professor X und Magneto zu Erzfeinden wurden. Und warum sitzt Professor X eigentlich im Rollstuhl? Wie sind die X-Men überhaupt zusammengekommen? Fragen, auf die es jetzt endlich Antworten gibt. Und January Jones als böse Mutantin hätte in ihrem sexy 60er-Jahre Outfit auch als Bond-Girl beste Chancen.

Denn Regisseur Matthew Vaughn ('Kick Ass') verleiht der legendären 'X-Men'-Reihe mit seinem Reboot nicht nur neuen Glanz, sondern gibt als großer 'James Bond'-Fan dem gesamten Streifen, der in den 60er-Jahren spielt, einen lässig-coolen 007-Chic. Am Anfang geht es aber ziemlich düster zu: Wie schon im ersten Teil beginnt auch die 'Erste Entscheidung' 1944 in einem deutschen Konzentrationslager. Dort wird der spätere Magneto als kleiner Erik Lehnsherr grausam von den Nazis, insbesondere von dem sadistischen Sebastian Shaw (beeindruckend: Kevin Bacon als diabolischer Bösewicht), gequält und entdeckt dabei seine Fähigkeit, Metall bewegen und manipulieren zu können. Währenddessen wächst der telepathisch begabte Charles Xavier und spätere Professor X gut behütet in einem wohlhabenden britischen Elternhaus auf und schließt mit einem blauhäutigen Formwandler-Mädchen namens Raven, die als Heranwachsende überragend von der oscarnominierten Jennifer Lawrence ('Winter's Bone') verkörpert wird, Freundschaft.

Zwanzig Jahre später: Der Kalte Krieg ist auf seinem Höhepunkt, und Erik befindet sich auf einem blutigen Rachefeldzug gegen seinen Nazi-Peiniger Shaw. Hollywood-Star Michael Fassbender als erwachsener Erik dürfte dabei einigen bekannt vorkommen, hat er doch schon in Quentin Tarantinos 'Inglourious Basterds' blutige Jagd auf Nazis gemacht. Und auch hier brilliert der Schauspieler als charismatisch-grausamer Rächer. Charles dagegen, passend besetzt mit einem dandyhaft-intellektuellen James McAvoy, ist inzwischen ein genialer Wissenschaftler und feilt an seiner Doktorarbeit über den nächsten Evolutionssprung in der Geschichte der Menschheit. Bei seiner Jagd auf Shaw trifft Erik erstmals auf Charles, der seine telepathischen Fähigkeiten mittlerweile in den Dienst des CIA gestellt hat, und die beiden freunden sich an. Dass das nicht auf Dauer gut geht, ist jedem 'X-Men'-Fan natürlich sonnenklar.

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Gruselig: Die Menschheit soll sich selbst vernichten

Gemeinsam wollen sie Shaw um jeden Preis aufhalten und spüren dafür im Verborgenen lebende Mutanten aus aller Welt auf. Nachdem die beiden eine 'erste Klasse' junger Mutanten rekrutiert haben (Der Orginaltitel heißt sinnigerweise 'First Class'. Der deutsche Titel 'Erste Entscheidung' ist wieder ein gutes Beispiel für merkwürdige Übersetzungen von Filmtiteln), lernen die Nachwuchshelden, ihre Kräfte zu kontrollieren, um sie als Waffe gegen Shaw und zum Wohle der Menschen einzusetzen. Dabei bekommt die Freundschaft zwischen Erik und Charles Risse: Erik kann sein Misstrauen gegen die Menschen einfach nicht ablegen, Charles dagegen setzt sich vehement für eine friedliche Ko-Existenz zwischen Mutanten und Menschheit ein. Doch die Zeit drängt: Denn Bösewicht Shaw selbst stellt sich als gefährlicher Mutant heraus, der die Menschheit in den Abgrund stürzen will und dafür die USA und die Sowjetunion zum apokalyptischen Showdown vor Kuba in Stellung bringt…

Setzte nach vier Kinoabenteuern bereits eine gewisse Ermüdungserscheinung in Sachen 'X-Men' ein, läuft die Comicreihe um die Mutanten jetzt wieder zu absoluter Höchstform auf. Zwar müssen die Fans der Reihe auf die alte Besetzung mit Patrick Stewart, Hugh Jackman oder Halle Berry verzichten, aber dafür gibt es tolle Superhelden-Newcomer, wie Lucas Till als Havok, der konzentrische Ringe ultraheißer Energie abgeben kann. Sean Cassidy spielt Banshee, der durch die von ihm erzeugten Schallwellen fliegen kann. Die beiden und noch andere gehören zu den 'X-Men'-Teenagern, die ihre Kräfte erst noch kontrollieren und dabei auch lernen müssen: Wie verhält man sich als Minderheit, wenn man anders ist, als die Gesellschaft es von einem erwartet? Dieses zentrale Motiv aller 'X-Men'-Filme spielt hier eine noch wichtigere Rolle als je zuvor – zumal darin der endgültige Bruch zwischen Charles und Erik begründet ist.

Regisseur Vaughn ist mit seinem Neustart der 'X-Men'-Reihe ein großer Wurf gelungen, der nicht nur hartgesottene Mutantenfans begeistern dürfte. Und greift der Film durchaus tiefgründige Themen wie Ausgrenzung und Diskriminierung von Minderheiten auf, punktet der Action-Kracher ebenso mit seiner großartigen Ausstattung, die das Herz eines jeden Sci-Fi-Fans höher schlagen lässt – auch ohne 3D-Effekte. Und Nachwuchsstar January Jones als böse Telepathin Emma, die sich jederzeit in einen Diamanten verwandeln kann und dadurch unverletzbar wird, gehört zu den optischen Highlights des Films. Eines beeindruckt vor allem: 'X-Men: Erste Entscheidung' ist auch eine Geschichte von Helden, zu deren besonderen Stärken es gehört, Schwäche zu zeigen - großes Kino, das auf weitere Fortsetzungen hoffen lässt.

Von Norbert Dickten

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