Singender Bond und Dancing Queen Meryl in Spandex

Singender Bond und Dancing Queen Meryl in Spandex

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Von Mireilla Zirpins

Es ist nicht zu glauben, dass diese Frau wirklich 59 sein soll. Meryl Streep, seit mehr als 30 Jahren erfolgreicher Bühnen- und Filmstar mit zwei Oscars und der Rekordzahl von insgesamt 14 Nominierungen hüpft in Latzhose und mit offenem Wallehaar durch die Musical-Verfilmung „Mamma Mia!“ als wäre sie ein junges Mädchen. „Die ist doch geliftet“, sagt ein Kollege nach der Pressevorführung, aber er täuscht sich. Wenn man Meryl Streep im Interview ganz nah gegenübersitzt, sieht man, dass sie zu ihren Mimik- und Knitterfältchen steht und trotzdem mindestens 15 Jahre jünger wirkt. Denn sie versprüht so viel Begeisterung für ihren Beruf, dass sie von innen heraus leuchtet.

Und das tut sie auch in dem Film, auf den ABBA-Fans seit Jahren gewartet haben. Denn endlich hat mit Phyllida Lloyd jemand das Erfolgsmusical von Björn Ulvaeus und Benny Andersson für die Leinwand adaptiert. Meryl Streep spielt die nonkorformistische Mama Donna, für die die Flower-Power-Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Sie schlägt sich als Aussteigerin ohne Mann durch und hat eine etwas schäbige kleine Pension auf einer griechischen Insel.

Nur Töchterchen Sophie (süß, aber neben der grandiosen Meryl Streep etwas farblos: Amanda Seyfried aus „Girls Club“ und „Veronica Mars“) scheint so gar nicht nach ihr zu schlagen. Die Kleine will mit 20 schon in den Hafen der Ehe segeln und ihrem braven Latin Lover Sky (Dominic Cooper aus „History Boys“) das Ja-Wort geben.

Donna kann das zwar nicht verstehen, akzeptiert’s aber und versucht, zusammen mit ihren beiden ehemaligen Bandkolleginnen von „Donna And The Dynamos“ (urkomisch: Christine Baranski und Julie Walters als junggebliebene Rockerbräute) die Hochzeitsgesellschaft mit heißen Tanzeinlagen in Spandex-Anzügen in Stimmung zu bringen.

Nur wer soll Sophie zum Altar führen? Donna findet: natürlich die Mama. Denn wer Sophies Vater ist, weiß sie leider nicht. Zu viele Affären hatte sie in dem kritischen Zeitraum, wie ihr Tagebuch enthüllt. Das fällt Sophie in die Hände, und sie schickt den drei potenziellen Erzeugern einfach in Mamas Namen eine Hochzeitseinladung, die sie auch prompt annehmen. So schippern die drei sehr unterschiedlichen, aber allesamt mittlerweile etwas spießigen und betagten Ex-Lover Donnas aufs Eiland Kalokairi, um ihre Verflossene wiederzusehen und ahnen weder etwas von der Tochter noch von der Konkurrenz.

Singender Bond und Dancing Queen Meryl in Spandex

Doch als Sam (trotz seiner romantischen Ader nun Businessman und mit Hingabe gespielt von Ex-Bond Pierce Brosnan), Abenteurer Bill (schön raubeinig: Stellan Skarsgård aus „Fluch der Karibik“) und Banker Harry (wie immer witzig: Colin Firth als Klemmschwester) auf Donna treffen, wird ihnen einiges klar. Wer ist tatsächlich Sophies Papa? Die einzige, die helfen könnte, das Geheimnis zu lüften, ist Donna. Doch die schlägt vor lauter Herrenbesuch ganz eifrig mit den Flügeln und verbreitet damit noch mehr Chaos…

Es ist einfach eine Freude, Meryl Streep dabei zuzusehen, wie sie sich durch diesen Film tanzt und singt und dabei einfach gute Laune verbreitet. Dabei sieht sie trotz unförmiger Latzhosen oder Blümchenkleider immer toll aus, trifft bei den musikalisch extrem anspruchsvollen Stücken des ABBA-Quartetts mit ihrer Powerstimme auch noch jeden Ton und spielt selbst bei Hochtempo-Tanznummern noch mit Ausdruck. In dieser Hinsicht stehen ihr Julie Walters und Christine Baranski in nichts nach und beweisen: Gelernt ist gelernt, dagegen haben Hollywoods junge Hüpfer keine Chance.

Das gilt leider auch für ihre blutjunge Kollegin Amanda Seyfried, die zwar niedlich anzuschauen ist und eine gute Stimme hat, aber schauspielerisch einfach nicht mithalten kann. Pierce Brosnan hingegen wird kein großer Tenor mehr, doch er spielt seine Rolle des verliebten Pinsels trotz aller Ironie („Slightly worn, but dignified and not too old for sex”, heißt es so schön in “When All Is Said And Done”) in der Inszenierung mit viel Inbrunst und gibt sich erst im Abspann der gnadenlosen Parodie hin.

Da nämlich dürfen die Herren der Schöpfung endlich auch in Plateau-Schuhe und sündhaft enge Stretch-Overalls schlüpfen, um mit einem großen Augenzwinkern das ultimative Disco-Feeling der Seventies wieder heraufzubeschwören. Und diese Show gehört zum Lustigsten und Schmerzfreisten, was man seit langem im Kino gesehen hat. Endlich mal bietet ein Film einer schon in die Jahre gekommenen Darstellerriege die Möglichkeit, zu zeigen, was sie drauf hat. Hier haben ausnahmsweise mal die reiferen Darsteller die besten Rollen, doch das macht diesen äußerst flotten Film kein bisschen alt.

Allein dafür lohnt sich für jeden, der keine ABBA-Allergie hat, das Kinoticket, das auch trotz einiger Schwächen des Films in der Choreografie der Massenszenen gut investiert ist. „Mamma Mia!“ versucht erst gar nicht, anspruchsvolles Arthouse-Kino zu sein, sondern gibt sich als pastellbunte und manchmal bewusst trashige Nummernrevue, die mit den Möglichkeiten und den Grenzen des Genres spielt. Die größte Attraktion aber sind die Darsteller – und natürlich die Songs von ABBA, die das Publikum gern mitsingt.

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