Sido: Albträume vom Stasi-Nachbarn

Sido: Albträume vom Stasi-Nachbarn
Sido wurde in Berlin geboren und zog mit neun Jahren vom Osten in den Westen um © Murat Aslan

Jahrelang hatte er behauptet, in West-Berlin geboren zu sein. Dann teilte Sido (34, "Löwenzahn"), bürgerlich Paul Würdig, öffentlich mit, dass er die ersten neun Jahre seines Lebens in der DDR verbracht habe. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news sprach er jetzt über die traumatischen Erlebnisse in seiner Kindheit und die Diskriminierung, die er und seine Mutter erfahren haben.

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Rapper über seine DDR-Kindheit

 

Sie haben lange verheimlicht, dass Sie in der ehemaligen DDR groß geworden sind. Was bedeutet Ihre Kindheit für Sie?

 

Sido: Ich hatte eine super Kindheit in der DDR. Die Probleme, die meine Mutter mit dem Sozialismus und dem Staat hatte, habe ich nicht so mitbekommen. Wir waren im Osten bis ich neun Jahre alt war - da war ich einfach ein Kind. Ich habe gespielt mit allem, was da war.

 

Von der Politik haben sie gar nichts mitbekommen?

 

Sido: Doch, ein bisschen schon. Meine Mutter ist etwas dunkelhäutig, wir sind Sintis. Im Osten war - und ist - das nicht gut angesehen. Sie hatte es deshalb sehr schwer. Wenn man zu spät zur Arbeit kam, gab es direkt Ärger. Alles lief sehr strikt. Meine Mutter wurde immer schnell in die Rowdy-Ecke gesteckt, das war natürlich schlimm.

 

Haben Sie auch eine persönliche Erfahrung mit der DDR-Politik gemacht?

 

Sido: Irgendwann habe ich in einem Gespräch aufgeschnappt, dass unser Nachbar bei der Stasi sein soll. Er hatte sein Schlafzimmer direkt neben meinem Kinderzimmerfenster. Eines Nachts habe ich geträumt, dass unser Nachbar durch mein Fenster schaut. Heute denke ich, vielleicht hat er das ja sogar. Gut, wir haben im zweiten Stock gewohnt - das wäre schon schwierig gewesen, aber die Stasi-Leute konnten doch alles. Das Bild habe ich bis heute nicht vergessen. Das hat mir große Angst gemacht. Ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Aber ansonsten hatte ich eine unbeschwerte Kindheit. Für mich haben die Probleme erst im Westen angefangen.

 

Was war da neu für Sie?

 

Sido: Alles war neu: der Geruch, der Umgang in der Schule. Die Strenge hat mir gefehlt. Wenn man musste, ging man einfach zur Toilette - das gab es im Osten nicht. Da hat man sich gemeldet und wenn man aufgerufen wurde, den Lehrer gefragt; der hat dann entschieden, ob du auf Toilette gehen darfst oder nicht. Diese Kleinigkeiten waren eine große Veränderung für mich. Außerdem ging es im Osten allen gleich gut, im Westen sah man die sozialen Unterschiede. Wir aus dem Osten hatten natürlich keine Kohle: Wir hatten 6.000 Ostmark, das waren umgetauscht nicht mal mehr 1.000 Mark. Wir haben in einem Asylantenheim gelebt. In der Schulklasse wird man dann anders behandelt und um das auszugleichen musst du eben andere Sachen machen.

 

Wie sehen Sie Deutschland heute? Haben Sie das Gefühl, dass Deutschland jetzt - 25 Jahre später - zusammengewachsen ist?

 

Sido: In Berlin ist Deutschland zusammengewachsen. Ich glaube, wenn man aufs Land fährt, ist es anders. Da wohnen Leute noch in ihren Elternhäusern; es sieht noch so aus wie früher. Da haben sie noch dieselben Möbel, dieselben Nachbarn, alles dasselbe. Ich glaube, bei vielen ist die Wiedervereinigung noch nicht im Kopf angekommen. Das kann man ihnen aber auch nicht verübeln: Im Osten ging es ihnen einfach besser. Jeder hatte irgendwas und jeder hatte gleich viel. Im Westen musste man dann auf einmal schauen, wo man bleibt. Ich finde, das ist so ein bisschen das vergessene Volk. Wenn man mal durch den Osten fährt, gerade durch die kleinen Dörfer, da ist alles so ein bisschen stehengeblieben.

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