Sibel Kekilli will nicht immer Drama Queen sein

Sibel Kekilli will nicht immer Drama Queen sein
© dpa, Tim Brakemeier

2004 gewann sie mit ihrem ersten Kinofilm ‚Gegen die Wand’ gleich den Silbernen Bären als beste Schauspielerin, wurde aber von Boulevardjournalisten dafür geschmäht, dass sie mal in Pornos mitgemacht hatte. Seither hält sich Sibel Kekilli lieber im Hintergrund, dreht weiter Filme und engagiert sich für Terre des femmes. Kein Wunder also, dass die Hauptrolle im Berlinale-Film ‚Die Fremde’ genau das Richtige für sie war. Sibel spielt sehr überzeugend eine junge Frau, die ihrer Zwangsehe mit einem gewalttätigen Mann in der Türkei entflieht. Ihr Vater und ihre Brüder fürchten um die Familienehre und wollen sie umbringen lassen. Beim Interview merkte Kinoredakteurin Mireilla Zirpins schnell: Die zierliche Wahlhamburgerin ist sehr wachsam, dass man ihr auch ja keine Fragen zu ihrer Familie stellt, aber ihr anstehender 30. Geburtstag und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund sind große Themen für sie.

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Nach gegen die Wand bist du jetzt wieder auf der Berlinale. Kommen da Erinnerungen wieder hoch – zumindest die guten?

Den goldenen Bären sollte man schon nicht vergessen. Aber es ist schön, dass ich jetzt wieder eine Chance bekommen hab, eine andere und genauso facettenreiche Rolle zu spielen.

Wie sehr magst es, dich für den Roten Teppich hier zurecht zu machen?

Manchmal genieße ich das. Aber ich bin froh, dass ich mich im Alltag nicht schminken und aufstylen muss. Das ist für mich ein Zeichen von Reife. Mit 18 hat man sich über das Aussehen mehr Gedanken gemacht als jetzt.

Du wirst 30 dieses Jahr.

Ach, danke.

So schlimm ist das gar nicht, kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. So wie du gerade ‚Ach, danke’ gesagt hat, klingt es, als sähest du das schon als einen Abschnitt.

Ab dem 30. Lebensjahr fördert der Körper 30 Prozent weniger Fett. Das ist nicht gut für die Faltenbildung.

Was ist deine Strategie dagegen?

Viel Fett essen? Ich schwimme, mache Bikram Yoga und gehe mit meinem Hund spazieren.

Ich habe das Glück, dass ich noch etwas jünger aussehe. Aber letztens habe ich mich geärgert, weil ich eine Rolle nicht bekommen habe, weil ich zu jung wirkte. Also mache ich mir in 20 Jahren noch mal Gedanken darüber. Aber ich möchte nicht wie Nicole Kidman aussehen und auch später meine Stirn noch bewegen können.

Wie feierst du deinen 30. Geburtstag?

Ich mag keinen großen Partys, gehe lieber mit meinen engsten Freunden essen oder mit dem Team, falls ich gerade drehe. Auch hier bei der Berlinale hast du mich sicher nicht sehr oft auf Partys gesehen.

Außer auf der von deinem eigenen Film natürlich. Du spielst eine junge Frau, deren Brüder sie umbringen wollen, weil sie ihren gewalttätigen Mann verlässt. Was für Erfahrungen hattest du selbst mit Ehrverbrechen?

Zum Glück keine eigenen. Ein Mädchen aus meiner Schule ist irgendwann nicht mehr zum Unterricht gekommen, die Brüder aber schon. Ich glaube, sie wurde zwangsverheiratet, aber ich weiß es nicht sicher.

Wie erklärst du dir, dass manche Einwanderer solche Probleme mit der Integration haben?

Daran sind beide Seiten schuld. Viele Deutsche haben gedacht: Die gehen sowieso wieder zurück. Die dritte und vierte Generation ist weniger integriert als die ihrer Eltern, weil sie die Frustration mitbekommen und sich zurückgezogen haben. Beide Seiten müssten aufeinander zugehen. Wir hier in Deutschland sollten nicht versuchen, jemand anders unsere Sicht der Dinge und unsere Kultur aufzuzwingen. Es kann nicht sein, dass jemand nicht in einen Club reinkommt, weil er türkisch aussieht oder eine Wohnung nicht bekommt, weil er einen fremd klingenden Namen hat. Umgekehrt müssen sich die Einwanderer auch versuchen zu integrieren, sich an unsere Gesetze halten und die deutsche Sprache lernen. Ich hab das Gefühl, dass die Kluft immer größer wird. Zu meiner Schulzeit gab es z. B. nicht so viele Mädchen mit Kopftüchern.

Die Ehrverbrechen haben weniger einen religiösen Hintergrund, es geht um Ehre. Hast du eine Ahnung, woher so ein übersteigertes Ehrverständnis kommt?

Es geht diesen Männern um Macht über die Weiblichkeit, um den Besitz der Frau. Es ist auf jeden Fall ein männliches Problem.

Du hast zusammen mit Bushido ein Interview gegeben. Er ist genau der Typ Mann, der einen verqueren Ehrbegriff hat – und nichts dagegen, Frauen zu schlagen.

Ach, ich fand das Interview ganz witzig. Er kann ja auch höflich sein, und er sagt ja, das würde er heute nicht mehr tun.

Was spielst du als nächstes?

Ich weiß es noch nicht. Ich bekomme jede Menge Angebote für schwere Stoffe auf den Tisch. Da fühle ich mich manchmal fast schon wie die Drama Queen (lacht). Nein, ich mache Spaß, ich kann mich überhaupt nicht beschweren und mag es sehr, solche Rollen zu spielen, aber irgendwann würde ich gern auch mal eine leichte, aber intelligente Komödie wie Fatih Akins ‚Soul Kitchen’ drehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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