'Selma' mit David Oyelowo: Oscar-würdiger Film über den großen Bürgerrechtler Martin Luther King

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Oprah Winfrey hat in Selma eine Gastrolle
Auch Oprah Winfrey hat in 'Selma' eine Nebenrolle. © Atsushi Nishijima

4,5 von 5 Punkten

Fast 50 Jahre ist es her, dass Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis im US-Staat Tennessee erschossen wurde. Sein Kampf gegen Rassismus als bekanntester Sprecher der Bürgerrechtsbewegung ist bis heute unvergessen. Fast schon erstaunlich, dass Hollywood den wohl einflussreichsten Bürgerrechtler der US-Geschichte bislang nicht mit einem Spielfilm bedacht hat. Schließlich räumen Biopics regelmäßig Oscars ab, man denke nur an 'The King's Speech', 'Lincoln' oder 'Die eiserne Lady'.

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Auch die Geschichte von Martin Luther King bietet jede Menge Blickwinkel, aus denen der Stoff angegangen werden könnte: Man denke nur an seine legendäre Rede 'I have a dream' oder die Verschwörungstheorien um seinen Tod. Es wäre sicherlich der klassische Hollywood-Ansatz gewesen, diese Aspekte herauszugreifen, mit der einen oder anderen fiktiven Figur oder Situation aufzumotzen, um so das Mainstream-Publikum bestmöglich erreichen zu können. Fraglich allerdings, ob man mit einer derartigen Interpretation dem Wirken von King gerecht worden wäre.

Umso erfreulicher, dass Newcomer-Regisseurin Ava DuVernay bei ihrem ersten Spielfilm mit großem Budget einen anderen Weg geht. Das zeigt sich schon am Titel des Films: 'Selma' rückt nicht allein Martin Luther King in den Vordergrund. Namensgeber ist vielmehr die Kleinstadt Selma im US-Bundesstaat Alabama. Dort ist die Situation im Jahr 1965 äußerst angespannt: Im rassistischen Süden der USA darf die afroamerikanische Bevölkerung zwar theoretisch wählen, tatsächlich wird sie aber von weißen Beamten systematisch dabei gehindert. Wer wählen will, muss sich absurd schweren Fragen unterziehen und etwa die Namen aller 67 Bezirksrichter des Bundesstaats aufzählen können. Hinzu kommt eine Kopfsteuer in Höhe von 50 Dollar, die sich weite Teile der schwarzen Bevölkerung nicht leisten kann. In Selma sind zu diesem Zeitpunkt nur zwei Prozent von ihnen als Wähler registriert.

In 'Selma' braut sich Ärger zusammen.
David Oyelowo (Mitte) überzeugt als Martin Luther King. © Atsushi Nishijima

DuVernay startet den Film allerdings im Jahr 1964 und gibt den Zuschauer einen Ausblick darauf, wie sie ihren Hauptprotagonisten sieht. Bevor ihm der Friedensnobelpreis verliehen wird, fragt sich Martin Luther King (sieht ihm zwar trotz zusätzlicher Kilos nur entfernt ähnlich, spielt aber wirklich großartig: David Oyelowo), ob er die richtige Krawatte für den Anlass gewählt hat und zweifelt im Gespräch mit seiner Frau Coretta ('Sparkle'-Star Carmen Ejogo) daran, ob seine Rede auch den richtigen Ton trifft. Und der Zuschauer sieht bereits jetzt: DuVernay besitzt ein gutes Gespür für zwischenmenschliche Dynamik. Martin Luther King wird nicht als überlebensgroßer Geschichtsheld oder idealistischer Träumer dargestellt, sondern als Mensch mit Zweifeln und Schwächen.

Im weiteren Verlauf geht es vor allen um Kings Rolle als Vorreiter der Bürgerrechtsbewegung bei den Protestmärschen von Selma in die 86 Kilometer entfernte Hauptstadt Montgomery. In der örtlichen Kirche zeigt Oyelowo eindrucksvoll, dass es möglich ist, den Kampfgeist von Kings Reden einzufangen, ohne dabei in bloße Imitation zu verfallen. Spannung erzeugt DuVernay durch die Aufeinandertreffen der schwarzen Protestler mit der örtlichen Polizei unter Kontrolle des rassistischen Sheriffs Jim Clark (bekommt übrigens von Oprah Winfrey in ihrer Nebenrolle einen übergebraten). Der lässt die Demonstranten niederknüppeln, als sie sich als Wähler registrieren lassen wollen oder auf dem Weg nach Montgomery über eine Brücke müssen. Doch Martin Luther King hat einen Plan…

'Selma' überzeugt mit einer komplexen Ansicht der Bürgerrechtsbewegung ebenso wie mit einem akkurat gezeichneten Bild Martin Luther Kings und ist völlig zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert. Die Bilder von Polizeibeamten, die auf Afroamerikaner einprügeln, gingen seinerzeit um die Welt und die heutige Situation in den USA zeigt, dass sie aktueller sind denn je.

Von Timo Steinhaus

Kinostart: 19. Februar 2015

Genre: Drama/Biopic

Originaltitel: Selma

Filmlänge: 122 Minuten

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