'Seefeuer' von Gianfranco Rosi: Berlinale-Gewinner macht auf das Leiden der Flüchtlinge aufmerksam

Seefeuer
Der 12-jährige Samuele hat seine eigenen Sorgen. Foto: 21 Uno Film/Weltkino Filmverleih © DPA

Der Notruf kommt in der Nacht. 250 Flüchtlinge sind vor der italienischen Insel Lampedusa in den dunklen, gefährlichen Wellen in Seenot geraten. "Wir flehen Sie an! Helfen Sie uns!", ist ein Bootsinsasse zu hören.

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Der Helfer an Land fragt mehrfach nach der Position des Schiffes. Dann bricht der Kontakt ab. "Mein Freund... Hallo!", sagt der Seenotretter noch - doch am anderen Ende bleibt es still.

"Seefeuer" heißt der erschütternde und aufrüttelnde Film von Regisseur Gianfranco Rosi, der auf der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. In einer Mischung aus Dokumentation und inszeniert wirkenden Szenen erzählt Rosi vom Alltag auf der Insel Lampedusa, die seit Jahren Ziel von Bootsflüchtlingen aus Afrika und anderen Ländern ist.

Rosi, der 2013 für "Das andere Rom" den ersten Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig für einen Dokumentarfilm gewann, erzählt nun aus zwei Blickwinkeln: Auf See geht es um das Schicksal der Bootsflüchtlinge und die oft vergebliche Arbeit der Retter - da ist Rosi ganz nah dran am Elend der verzweifelten und entkräfteten Menschen und scheut sich auch nicht, sterbende Menschen zu zeigen. Der Zuschauer blickt mit der Kamera bei einem der Boote außerdem unter Deck, wo die Körper der Menschen liegen, die die Überfahrt nicht überlebt haben.

An Land dreht sich alles um das künstlerisch oft stilisierte und symbolisch aufgeladene Erleben des 12-jährigen Inselbewohners Samuele. Er macht mit seiner Steinschleuder Jagd auf Vögel, feuert mit seinem Freund imaginäre Waffen ab, isst mit seiner Familie schlürfend Spaghetti, macht sich Sorgen um seine Gesundheit. Und: Der altkluge Sohn eines Fischers hat Angst vor dem Meer, ihm wird schlecht auf See.

Es sind zwei Welten, die vordergründig nicht miteinander in Berührung kommen: Auf der einen Seite ist Samuele, dessen Gefühlen und Sorgen viel Platz eingeräumt wird. Auf der anderen Seite sind die namenlosen Flüchtlinge, die nur vereinzelt zu Wort kommen und deren weiteres Schicksal der Regisseur nicht verfolgt.

An der Schnittschnelle zwischen diesen beiden Welten steht der bewundernswerte Inselarzt Pietro Bartolo, der sich viel Zeit für Samueles Atemprobleme und die Ängste des Jungen nimmt. Dem Arzt kommen Tränen, wenn er vom Leid der von ihm betreuten Bootsflüchtlinge erzählt: von den durch Treibstoff verätzten Menschen, den toten Kindern und toten schwangeren Frauen, den Leichen, denen er zur späteren Identifizierung Blut abnehmen muss.

"Jeder, der von sich behauptet, ein Mensch zu sein, hat die Pflicht, diesen Leuten zu helfen", sagt Bartolo. Ein künstlerisch eigenwilliger, sehr wichtiger und bewegender Film.


dpa

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