Rührt zu Tränen: Wüstenblume - Filmkritik

Cinderella mit schrecklichem Geheimnis:

Rührt zu Tränen: Wüstenblume - Filmkritik

von Mireilla Zirpins

Es ist eine Geschichte wie aus einem Märchen: Waris Dirie flieht mit 13 vor der Zwangshochzeit mit einem drei mal so alten Mann aus der somalischen Wüste nach London, um dort beim Putzen in einem Burgerrestaurant als Topmodel entdeckt zu werden. Nur die Vorgeschichte ist grausamer als alles, was Grimms Märchen zu bieten haben: Als Waris fünf war, wurden ihre Genitalien von einer laienhaften Beschneiderin brutal verstümmelt - in ihrer Heimat so gängige wie grausame Praxis, der kaum ein kleines Mädchen entkommt. Und die Mütter, selbst beschnitten und damit jedes Lustempfindens beraubt, bringen ihre Töchter selbst hin. Die wahre Lebensgeschichte Waris Diries bewegte in ihrem autobiographischen Roman "Wüstenblume" weltweit Millionen. Zehn Jahren nach Erscheinen des Buchs ist es nun verfilmt worden.

In einer Hollywoodproduktion hätte das zu einer zuckersüß verkitschten Cinderella-Story werden können, doch Regisseurin Sherry Hormann ("Lattenknaller") ist klug genug, die schockierenden Momente gegen die Chronologie ans Ende zu stellen. Sie setzt zunächst auf humoristische Töne, die auch schon den Charme von Diries Buch ausmachten und zeigt, wie ihre Heldin (wunderbar besetzt mit Topmodel Liya Kebede, die mit ihrer Lockenperücke Waris Dirie wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht) nachts auf der Straße schläft und in einem "Top Shop" der schrillen Verkäuferin Marilyn zuläuft (etwas over the top: Sally Hawkins, die hier unpassenderweise ihre Poppy aus "Happy-Go-Lucky" noch mal auflegt).

In einer komplexen Erzählstruktur aus Rückblenden und fortlaufender Handlung entfaltet Hormann das ganze Lebens- und Leidensspektrum Diries: Ihre Kindheit als einfaches Nomadenmädchen, ihre barfüßige Flucht durch die Wüste, die Ausbeutung als Dienstmagd durch die eigenen Angehörigen in London, ein Leben in der Gosse und dann den kometenhaften Aufstieg als Topmodel, der auch nicht so leicht war, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn Waris hat keine Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung und geht eine Zweckehe mit einem nur scheinbar netten Kerl ein. Und sie leidet immer noch massiv unter den Folgen ihrer Genitalverstümmelung.

Hormanns Erzählkniff geht auf: Sie zeigt zuerst das Vertraute, das Leben in London, die Welt, mit der der westliche Zuschauer etwas anfangen kann - und die schönen Bilder aus Afrika, damit sich niemand herausreden kann, dass er sich mit einer Geschichte aus einer fremden Welt nicht hätte identifizieren können. Die hübsche Liya Kebede, in den USA als Topmodel schon lange ein Star, macht es dem Zuschauer in ihrer ersten Kinorolle leicht sie zu mögen. Gut gelaunt spielt sie, wie Waris staunend durch die wundersame westliche Welt stolpert, und sie meistert auch die leisen Töne des traurigen Mädchens, das nie so viel Spaß haben wird wie seine weiße Freundin.

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Rührt zu Tränen: Wüstenblume - Filmkritik

Als es am Ende, wenn sich Waris auf der Höhe ihres Ruhmes wütend einer Journalistin anvertraut, zwangsläufig hässlich wird, ist der Zuschauer bereit dafür. Er hat so viel Sympathie aufgebaut zu dieser bildschönen Frau, dieser Kämpferin, die mit zusammengebissenen Zähnen Dinge ertragen hat, an denen andere zugrunde gegangen sind, dass man aufschreien möchte, als man am Ende doch noch Zeuge der Beschneidung wird.

Keine Sorge, die Szene ist nicht unnötig blutig oder explizit, sie ist einfach seelisch grausam. Und sie ist nötig. Denn obwohl Waris Dirie vor zehn Jahren ihre Laufstegkarriere aufgab, um sich ganz dem Kampf gegen das archaische Ritual der Genitalverstümmelungen zu kämpfen, hat sich nicht viel geändert.

Jeden Tag werden 8000 Mädchen weltweit Opfer dieses menschenfeindlichen Rituals, das nicht vergleichbar ist mit Vorhaut-Beschneidungen bei kleinen Jungen. Den Mädchen werden die Vorhaut und Klitoris und bei der so genannten "Infibulation" auch die inneren und äußeren Schamlippen entfernt. Mit einfach en Werkzeugen oder Dornen werden die Hautlappen zusammengesteckt, sodass nur noch eine streichholzdicke Öffnung bleibt, damit Urin und Menstruationsblut abfließen können - meist lebenslang nur unter großen Schmerzen, wenn das Kind den meist unprofessionell und unter desolaten hygienischen Bedingungen durchgeführten Eingriff überhaupt überlebt. In der Hochzeitsnacht muss sich der Mann gewaltsam Zugang verschaffen und seine Braut notfalls aufschneiden. Sex und Kinderkriegen werden mit einer solchen Verletzung zur Tortur.

Und warum das alles? Ein alter Brauch, der besagt, dass eine Frau durch diese Prozedur "rein" wird. Unbeschnitten findet eine Frau in Teilen Afrikas keinen Mann und wird gesellschaftlich geächtet. Doch es ist kein rein afrikanisches Problem. Auch in Asien ist die "Female Genital Mutilation" gängige Praxis. Einwanderer brachten sie mit in die USA und nach Europa - auch nach Deutschland.

Deswegen ist es gut, dass die Deutsch-Amerikanerin Sherry Hormann bei ihrer Verfilmung von "Wüstenblume" eine Sprache gefunden hat, um Zuschauer in westlichen Ländern aufzurütteln und aufmerksam zu machen auf das, was auch in ihrem Land passiert. Waris Dirie ist kein Einzelfall, aber sie ist eine der wenigen, die über ihr Schicksal spricht und auch am Drehbuch dieses Buches mitgearbeitet hat. Ihr persönlich war es wichtig, dass der Film kein Trauerspiel wird, sondern dass die Leute in dem Grauen auch lachen. Das tun sie, und das macht den Film so einzigartig und so sehenswert.

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