Roland Emmerichs 'Anonymous'

Roland Emmerichs 'Anonymous'
© Columbia Pictures/Splash News

4 von 5 Sternen

Ausgerechnet Roland Emmerich, der sonst gern in SciFi-Spektakeln wie 'Independence Day' oder 'The Day After Tomorrow' die moderne Welt in Schutt und Asche legt, nimmt sich der Frage an, wer William Shakespeare war und ob er all die berühmten Stücke und Sonette wirklich selbst geschrieben hat. Sein Held in Rüschenblusen: Rhys Ifans, der den meisten nur als schluffiger Mitbwohner von Hugh Grant aus 'Notting Hill' und als Ex-Freund von Sienna Miller ein Begriff ist.

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Was nach einem gewagten Experiment klingt, geht aber erstaunlich gut auf: Roland Emmerich versucht erst gar nicht, ein Eventmovie aus seinem Stoff zu machen, sondern vertraut auf die Brisanz des Sujets. Da darf das überraschend komplexe Drehbuch von John Orloff zwischendrin auch mal etwas dialoglastiger ausfallen. Schließlich strotzt die literarische Verschwörungstheorie um den größten britischen Autor der Renaissance vor Sex, Gewalt und Machtspielen.

Schon lange gibt es in der anglistischen Literaturwissenschaft eine breite Strömung, die davon ausgeht, dass der mit nur wenigen Urkunden belegte William Shakespeare aus dem mittelenglischen Stratford-upon-Avon schwerlich der Autor von Klassikern wie 'Romeo und Julia' oder 'Macbeth sein kann. Schließlich war der Sohn eines Simpels Schauspieler, schrieb manchmal seinen eigenen Namen nicht korrekt und war niemals in Italien, wo eine Vielzahl der Shakespeare-Dramen spielen. Wer aber soll dann all die Versdichtungen verfasst haben?

Favorit zahlreicher Gelehrter ist ein gewisser Edward de Vere, Earl of Oxford, der 16 Monate durch Italien reiste und dessen Leben erstaunliche Parallelen zu 'Hamlet' aufweist. In seiner Bibel waren genau die Stellen angestrichen, die Shakespeare in seinen Werken verwendete, sein Spitzname war 'Spear Shaker'. Und genau dieser Edward de Vere (gespielt von Rhys Ifans) ist Emmerichs Hauptfigur. Als Earl of Oxford wäre es für ihn nicht schicklich, als Literat in Erscheinung zu treten. Aber de Vere ficht seine Duelle lieber mit Worten als mit dem Degen.

Joely Richardson spielt die junge Elizabeth I
Hübsch anzuschauen: Joely Richardson © Columbia Pictures/Splash News

Dazu hat er jede Menge Gelegenheit, schließlich kommt er Königin Elizabeth I. (als alternde Dame mit jugendlichem Charme gespielt von Vanessa Redgrave, als junge Schönheit lebhaft verkörpert von deren Tochter Joely Richardson) ein bisschen zu nahe. Damit macht er sich deren Ratgeber und seinen eigenen Schwiegervater William Cecil (David Thewlis) und dessen Sohn Robert (schön schleimig: Edward Hogg) zum Feind. Und dann wären da noch die beiden unehelichen Söhne Elizabeths, die nach dem Thron greifen.

Einer davon ist der Spross von de Veres Lenden. Und weil de Vere findet, dass Dichtung immer auch politisch ist, unterstützt er die Jungs mit subtilen Anspielungen in Stücken wie 'Richard III'. Damit solche Aufwiegelei nicht auf ihn selbst zurückfällt, heuert er eine arme Pfanne an, die ihren Namen fürs Deckblatt der Stücke hergibt: Den selbstgefälligen, sexversessenen und geldgeilen Schmierenkomödianten William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon, von Rafe Spall manchmal zu sehr als Witzfigur des Films gegeben, der de Vere glatt noch erpresst.

Rhys Ifans hingegen mimt seinen de Vere mit dickem Kajalstift auf den Augenlidern ein wenig wie den Punkpoeten des 16. Jahrhunderts, gibt ihn aber nie der Lächerlichkeit preis, sondern macht aus dem zynischen Inkognito-Dichter eine würdige tragische Figur.

Das ist überhaupt das Verdienst von Ifans, Emmerich und Orloff, dass sie es schaffen, trotz der am Anfang fast unübersichtlichen Figurenkonstellation und einiger dramaturgisch nicht immer geschickt eingefädelter Zeitsprünge den Zuschauer über die Figur de Veres so in den Bann ziehen, dass man mit ihm leidet wie mit einem Helden in einer Tragödie. Liebe, Verrat und Poesie werden hier geschickt verknüpft zu einem stimmigen Ganzen, bei dem ein paar billig aussehende Kulissen nicht ins Gewicht fallen. Kein Autorenfilm, aber anspruchsvolles Popcorn-Kino, das zum Nachdenken anregt. Denn schließlich ist Emmerichs und Orloffs Interpretation nur eine Theorie von vielen.

Von Mireilla Zirpins

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