Robbie Williams will wieder Hits

Robbie Williams
Robbie Williams ganz relaxt in Berlin. Foto: Britta Pedersen © deutsche presse agentur
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Eine exquisite Luxushotelbar in Berlin, mit schlossreifen Spiegeln, Marmorlook und mondänen Ledersesseln. Doch dann das: "Kann ich erstmal meine Socken ausziehen?" So beginnen Topstars wohl eher selten ein Interview. Es ist nicht der letzte verblüffend offene Moment mit Robbie Williams.

Also Socken aus - "so komm ich intellektueller rüber..." - und rein ins Gespräch über sein neues Album "The Heavy Entertainment Show". Einige sprechen bei Williams jetzt von "Comeback", weil sein letztes Studioalbum "Swings Both Ways" drei Jahre her ist - im Social-Media-Zeitalter zählen die vermutlich doppelt.

Er selbst fühlt sich nicht als Rückkehrer: "Letztes Jahr bin ich das ganze Jahr auf Tour gewesen. Davor gab es das Swing-Album und die Swing-Tour. Also für mein Gefühl hab' ich seit 2009 ohne Pause gearbeitet. Wenn überhaupt, ist es jetzt eine Rückkehr in die Medien. Hallo!" Robbie winkt.

Frisch und gut sieht er aus, mit 42, sagt eine Kamerakollegin hinterher. Dabei helfen ihm die überwiegend schwarz eingerichtete Bar und sein dunkles Casual-Outfit nicht unbedingt, junggeblieben auszusehen. Bei den "Attitude-Awards" in London hat Williams jüngst erklärt, dass er mit Botox gegen Falten nachgeholfen habe. Ein ehrliches Eingeständnis? Ein ironischer Scherz? Es ist ihm beides zuzutrauen.

Auf jeden Fall spricht der Sänger im Interview der Deutschen Presse-Agentur erstaunlich offen über die Tücken des Älterwerdens, nennt sich selbst "alternder Popstar". "Das ist wie beim Fußball. Man ist richtig gut bis 35 oder 36. Oder vielleicht sogar bis 37, wenn man Torwart ist. Aber dann müssen Sie ins Management wechseln. Bei Popstars ist es genauso. Ich meine, ein 42-jähriger Popstar - da fragt man sich doch: wie klingt der?"

Williams klingt wieder mehr wie früher. Zu seinen "Angels"-Zeiten. Und zwar mit voller Absicht: "In den letzten Jahren habe ich versucht, experimentell und 'interessant' zu sein. Und bewusst keine Hits zu schreiben. Das letzte hab' ich auch geschafft..." Wieder diese Mischung aus Offenheit und trockener Ironie. "Wobei, einen Hit hatte ich, allerdings nur aus Versehen. Aber dann ist mir klar geworden, dass ich einfach universelle Songs für Millionen Menschen machen sollte. Mit großen Melodien und Texten, die die Leute in Pubs singen können. Und ich hoffe, dass mir das mit diesem Album gelungen ist."

Es könnte durchaus funktionieren. Unter den elf Songs - in der Deluxe-Version sind es fünfzehn - sind stadionreife Hymnen, melodische Gefühlsballaden und potenzielle Partykracher. Fast jeder Song geht schnell ins Ohr und trotzdem hört man, dass an mehr Originalität gefeilt wurde. Songschreiber und Sängerkollegen wie Guy Chambers, John Grant, Rufus Wainwright oder Ed Sheeran haben bei Robbie Williams elftem Studioalbum mitgemischt.

Und auch seine beiden Kinder - in gewisser Weise: "Ich habe ein Produktionsstudio direkt bei mir im Haus, wo ich schreiben kann. Manche Leute gehen wegen Frau und Kindern lieber in ein extra Studio anderswo. Aber für mich funktioniert's. Ich mag's sogar, wenn die Kinder reinkommen und mal hören, was da so läuft."

Sonderlich beeindruckt sind seine Kinder vom Weltruhm ihres Vater allerdings nicht: "Charlie ist noch zu jung. Und meiner Tochter Teddy habe ich mal eins meiner größten Konzerte vorgespielt, vor 135.000 Zuschauern. Sie hat nur gesagt: 'Kann ich Kuchen haben?' Also sie war nicht wirklich begeistert. Sie denkt wohl, alle Väter singen."

Anscheinend vergöttert Williams seine Kinder gerade mehr als sie ihn. Zwei persönliche Lieder hat er für sie mit aufs Album gepackt: In "Motherfucker" klärt Williams seinen Sohn Charlie (2) auf, in was für eine abgewrackte Familie er hineingeboren sei: "pray our weakness make you strong / ich bete, dass unsere Schwäche Dich stark macht". Und in "I Love My Life" hofft Williams, seiner Tochter Teddy (4) den Weg in ein glückliches Leben bereiten zu können: "so one day you say to me - I love my life / dass Du eines Tages zu mir sagst, ich liebe mein Leben".

Seinem im Sommer verstorbenen Manager David Enthoven widmet Williams ebenfalls ein Lied: "David's Song". Außerdem stecken Ideen von verstorbenen Musikern im Album. Etwa vom Franzosen Serge Gainsbourg. Und in der Feiersause "Party Like A Russian" erklingt ein Thema von Sergei Prokofjew - aus dessen Ballett "Romeo und Julia". In russischen Medien wurde das Musikvideo zur Single teilweise als rassistisch und stereotyp kritisiert. Williams beteuert, er habe nur die weltweit unerreichte Partypotenz der Russen würdigen wollen.

Es ist wohl ein einkalkulierter Aufreger. Denn Williams überlegt mittlerweile sehr genau, was er tut. "Ich bin neurotischer geworden. Schiebe mehr Panik. Wohl weil ich älter werde, mache ich mir ständig Sorgen, wie ich singe, worüber ich singe."

Seine eigenen Fußstapfen sind ja auch ziemlich groß. In Deutschland sind die letzten acht Alben des ehemaligen Take-That-Mitglieds stets auf Platz eins gelandet. Williams gibt sich unsicher, ob er daran anknüpfen kann. "Ganz oft in den letzten anderthalb, zwei Jahren hab' ich gesagt: 'Super, hier haben wir jetzt einen Hit!' Und am nächsten Tag dachte ich: 'Ach nein, wohl doch nicht. Wie klingt ein Hit heute überhaupt?'"

Wenn man "The Heavy Entertainment Show" hört, kann man sagen: Ganz so ahnungslos ist der "alternde Popstar" Robbie Williams wohl noch nicht.


Quelle: DPA
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