Revolution im Untergrund: "Tube" fährt nachts durch

«Tube»
Mit der "Tube" durch die Londoner Nacht. Foto: Hannah Mckay © DPA

Wenn sich Ben Simpson früher mit Freunden auf ein Bier in der Londoner Innenstadt traf, saß er immer wie auf Kohlen. Um 00.30 Uhr fuhr die letzte U-Bahn, die durfte er nicht verpassen.

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Seit Samstag ist es für den 24-Jährigen und viele andere Nachtschwärmer in London entspannter: Zwei wichtige U-Bahn-Linien haben auf einen 24-Stunden-Betrieb an Wochenenden umgestellt.

Es sind nur zwei von insgesamt elf Linien eines Nahverkehrssystems, das auf einem Streckennetz von 402 Kilometern jährlich 1,34 Milliarden Fahrgäste befördert. Aber für die Briten ist der Nachtbetrieb ein Bruch mit einer Tradition, wenn nicht gar eine Revolution: Seit die Londoner Untergrundbahn im Jahr 1863 ihren Betrieb aufnahm, war nachts immer Pause.

Simpson ist einer der ersten, die am frühen Samstagmorgen mit den Nacht-U-Bahnen unterwegs sind. Etwa jeder zweite Sitzplatz ist belegt, als er um Viertel vor eins an der Station Oxford Circus in den Zug der Linie Central steigt. Sorgen, bei Nacht mit der "Tube" zu fahren, hat er nicht. "Es sind immer noch ziemlich viele Leute hier. Da werde ich wohl kaum überfallen werden", sagt er.

Da Simpson an einer Universität im Zentrum Londons arbeitet, jedoch in Westen der Stadt wohnt, ist er daran gewöhnt, mit der U-Bahn zwischen den beiden Orten hin- und herzupendeln. Allerdings nur tagsüber. Unterschiede zwischen den Fahrten am Tag und in der Nacht gebe es schon, sagt er. Die Passagiere seien nachts lockerer und kämen eher mit den Sitznachbarn ins Gespräch. "Wahrscheinlich, weil wir alle schon einen Drink hatten", vermutet er.

Wie viele Londoner hat Ben Simpson lange auf die Umstellung auf einen 24-Stunden-Betrieb der U-Bahnen hingefiebert. In anderen Metropolen, wie Berlin oder New York, gibt es nächtliche U-Bahnen schon ewig. In London waren sie 2014 angekündigt worden, erstmals fahren sollten sie eigentlich im September 2015. Wegen Tarifkonflikten verzögerte sich die Einführung allerdings mehrmals.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan (Labourpartei) ist einer der ersten, die mit dem Nachtzug fahren. "Es ist eine Win-win-Situation", sagte er dem "Guardian". Besonders Touristen und Arbeiter, die am Wochenende erst spät nach Hause kommen, würden von den schnellen U-Bahn-Verbindungen in der Nacht profitieren.

Auch Simpson spart dank der "Night Tubes" viel Zeit. Nach einer halben Stunde kommt er an der Station Ealing Broadway in Westlondon an. Von dort sind es nur wenige Minuten zu Fuß bis zu seiner Wohnung. Mit Nachtbussen war er früher oft zwischen ein und zwei Stunden unterwegs, sagt er. Selbst das Taxi brauche länger als die U-Bahn. Dank der Nacht-Bahn werde er nun häufiger spät abends in die Innenstadt fahren. "Und vor allem länger bleiben", fügt er hinzu.

Damit möglichst viele Menschen die schnellen Nacht-U-Bahnen nutzen können, plant der Betreiber des U-Bahn-Netzes Transport for London, im Herbst drei weitere Linien hinzuzuschalten. Dann werden nach Schätzungen des Betreibers jedes Wochenende 200.000 Menschen die nächtlichen U-Bahnen nutzen. Wann genau die Linien Jubilee, Northern und Piccadilly den Nachtbetrieb am Wochenende aufnehmen, war nach der ersten Nacht allerdings noch offen.


dpa
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