Regisseurin Maren Ade im Interview über ihre Arbeit an 'Toni Erdmann'

Maren Ade
Maren Ade beim Filmfestival in Cannes. Foto: Clemens Bilan © DPA

Beim Filmfestival Cannes überschlug sich die internationale Presse mit Lob für Maren Ades Werk "Toni Erdmann". Die Tragikomödie erzählt von einem humorvollen Vater, der seine Tochter, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, bei einem Projekt in Rumänien besucht.

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Die beiden unterschiedlichen Charaktere prallen aufeinander. Um seiner Tochter näher zu kommen, verkleidet sich Winfried als schrille Kunstfigur Toni Erdmann.

"Ich arbeite wahnsinnig lange an so einem Projekt", sagte Ade (39) in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. An "Toni Erdmann" habe sie viereinhalb Jahre gearbeitet, fast jeden Tag.

Frage: Warum haben Sie sich nach dem Drama "Alle Anderen" über ein Paar entschlossen, nun etwas über eine Vater-Tochter-Beziehung zu erzählen?

Antwort: Mich hat interessiert, etwas über Familie zu erzählen. Das war ein Thema, das mir länger im Kopf rumging. Auf der einen Seite über diese festgeschriebenen Rollen, die jeder in seiner Familie oft spielt. Ich wollte mit dem Rollenspiel, das Vater und Tochter anfangen, mit der radikalen Verwandlung, die der Vater da macht in diesen neuen Charakter Toni, da wollte ich ein bisschen eine Ausbruchsfantasie aus diesem Familienkorsett entgegensetzen.

(...) Ich habe schon beim Schreiben gemerkt, dass es ein dankbares Thema ist, dieses Eltern-Kind-Thema, und dass es auch relativ emotional ist. Es bietet viel an versteckter Aggression, aber auch an Sehnsüchten. Und die Eltern-Kind-Beziehung ist lebenslang. Deswegen ist es auch ein schweres Thema. Der Humor kommt dann natürlich mit der Figur des Winfrieds, mit seinem ausgeprägten Hang zum Scherzen.

Frage: Der Film handelt zwar von Winfried und seiner Tochter Ines, spricht doch aber auch einen allgemeineren Konflikt zwischen den Generationen an, oder?

Antwort: Der Vater ist ja so ein typischer Vertreter - vielleicht auch etwas sehr Deutsches - der Nachkriegsgeneration: Die auch so einen antiautoritären Erziehungsstil hatten, die sich für ihre Kinder viel Freiheiten, viel Selbstbestimmtheit gewünscht haben. Und das hat sich jetzt auch ein bisschen ins Gegenteil verkehrt: Auf der einen Seite ist die Tochter in die Welt hinausgezogen, er hat sie nicht mehr zu Hause. Das heißt, der Kontakt ist ein bisschen abgebrochen. Außerdem hat sie einen sehr leistungsorientierten Beruf ergriffen, den sie selbst vielleicht auch nicht immer moralisch verteidigen kann. Dadurch gibt es zwischen den beiden auch einen politischen Konflikt. Inwieweit man sich da aber wiederfindet, muss jeder selber sagen - im Prinzip ist es ja aber schon eine sehr spezielle Vater-Tochter-Beziehung.

Frage: Geht man vielleicht nicht gerade in Familien manchmal sehr schonungslos miteinander um?

Antwort: Genau, jede Familie ist ja anders. Manche tragen es sehr offen aus, manche sind die ganze Zeit passiv-aggressiv. Es gibt auch welche, die verstehen sich wirklich gut. Ich habe das Gefühl, dass es den beiden (Figuren im Film, Anm.) gut tut, dass sie ihre Aggressionen offener ausleben können. Dass der Vater auch seine Vaterrolle abwirft mit diesem Toni und seiner Tochter so freier gegenübertreten kann - auch kritischer.

Frage: Die Tochter Ines arbeitet in der Wirtschaft als Unternehmensberaterin und ist dabei auch erfolgreich. Es ist aber trotzdem immer wieder zu spüren, dass die Männer sie nicht ganz ernst nehmen. Ist das ein Problem unserer Gesellschaft?

Antwort: Ich wollte nicht etwas besonders Kritisches machen. Ich wollte es eigentlich so haben, wie ich denke, dass es realistisch ist. Ich glaube, das ist einfach eine Farbe, die da reingehört hat. Außerdem ist Ines für mich eine Figur, die vielleicht abwinken würde, wenn sie "Feminismus" hört. Trotzdem merkt sie nach und nach, dass es da ein Defizit gibt und es Momente gibt (...), wo die Männer sie dann doch nicht zu sich dazu zählen.

Frage: Ihre beiden Hauptdarsteller Sandra Hüller und Peter Simonischek spielen sehr stark. Wie haben Sie die beiden gefunden?

Antwort: Ich caste immer sehr, sehr lang und ausführlich. Es war klar, dass das zwei wirklich tolle Schauspieler sind - und dass sie auch zusammenpassen. Es sind beides auch sehr radikale Theaterschauspieler. Das kommt meiner Art zu arbeiten ziemlich entgegen, weil ich auch einen langen Probenprozess habe und es von den Schauspielern eine große Offenheit so einem Prozess gegenüber braucht.

Frage: Das Spiel wirkt sehr natürlich - wie erarbeiten Sie sich das?

Antwort: Es ist wenig bis fast gar nichts improvisiert. Emotional ist allerdings relativ viel improvisiert. Ich wiederhole die Takes oft, versuche aber immer einen anderen Subtext, immer eine emotionale Offenheit zu haben - und zuzulassen, dass Momente passieren, die abweichen. Kleine Sachen davon sind im Film drin. Das Drehbuch ist also schon ziemlich präzise; es kann aber eben auch eine gewisse Freiheit im Spiel dazukommen.

ZUR PERSON: Maren Ade, 1976 in Karlsruhe geboren, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Ihr Abschlussfilm "Der Wald vor lauter Bäumen" (2003) über eine idealistische, aber überforderte Lehrerin gewann international Preise. 2009 folgte das Beziehungsdrama "Alle Anderen" mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger als Paar in der Krise. Ade wurde dafür bei der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. "Toni Erdmann" ist ihr dritter Spielfilm. Ade (39) lebt mit ihrem Partner und zwei Kindern in Berlin.


dpa

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