Rainer Werner Fassbinder: Heute wäre er 70 Jahre alt geworden

Rainer Werner Fassbinder: Heute wäre er 70 Jahre alt geworden
Ein Mythos: Rainer Werner Fassbinder © ddp images/Planet Photos

Ein erster Eindruck: Ein weichliches Gesicht, zerzaustes Bärtchen, wie einer mitten in der Pubertät, der sich einmal in der Woche rasiert und auf den großen Hormonschub hofft. Fettige Haare. Zigarette im Patschhändchen. Ein wacher Blick, den andere, die es nicht so gut mit ihm meinten, als lauernd bezeichnet haben. Eine sanfte, poetische Stimme, die so viele Gemeinheiten sagen konnte.

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Chaot, Schweinehund, Genie

Rainer Werner Fassbinder. Ein Name wie Donnerhall. Am 10. Juni 1982 ist er gestorben. Mit 37 Jahren. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie er heute aussehen würde. An seinem 70. Geburtstag.

Alles trifft auf ihn zu: "Poet und Egoist, Sensibelchen und Kotzbrocken - was immer man über ihn sagen mag: Er war ein genialer Filmemacher. Vielleicht der beste, den Deutschland je hatte", schreibt die Schriftstellerin Franziska Sperr. Sie ist aus seiner Generation. Sie hat ihn noch erlebt, wie viele in der Intellektuellenszene von München und Berlin. Und wie viele andere ist sie immer noch gefesselt von dieser rauschhaften Existenz. "Er hatte sich für das kurze intensive Leben entschieden."

Es scheint, als hätte Fassbinder überhaupt keine andere Wahl gehabt. "Only the good die young", singt der Rockpoet Billy Joel. Vor 33 Jahren fand man ihn morgens im Bett seiner Münchner Wohnung. Sein Herz war stehen geblieben. Zuviel Alkohol, zu viele Drogen, zu viel Arbeit. Er soll im Tod noch gelächelt haben.

"Er rückte der Öffentlichkeit so nah auf den Pelz, dass sie zu seinen Lebzeiten nie dazu kam, sich ein gelassenes Bild von ihm zu machen. Fassbinder ließ keine Distanz zu. Das ist jetzt anders. Anhand der vielen Ehrungen zu seinem runden Geburtstag, kann man erleben, wie sich das Bild eines Menschen im Abstand ändert, was die Zeit mit einem Menschen macht, wenn sie über ihn hinweggeht", schreibt die "Frankfurter Rundschau".

 

Seine Filme

 

Er war Schauspieler, Autor, Dramatiker und Regisseur in einer untrennbaren Person. Er hatte keine abgeschlossene Berufsausbildung und war bei der Aufnahmeprüfung zur Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin durchgefallen. Gleichwohl galt es als sehr belesen, er inszenierte eigene Theaterstücke (Action Theater und Antitheater München, Theater am Turm, Frankfurt und Bühnen in Bremen und Bochum), schrieb Gedichte und drehte ruhelos Filme. Von "Liebe ist kälter als der Tod" (1969) bis "Querelle" (1982), einige erlangten Weltruhm, etwa "Katzelmacher" (1969), "Der amerikanische Soldat (1970), "Warnung vor einer heilige Nutte" (1971), "Händler der vier Jahreszeiten" (1971), "Die bitteren Tränen der Petra Kant" (1972), "Angst essen Seele auf" (1973), "Martha" (1974), "Effi Briest" (1974), "Die Ehe der Maria Braun" (1978), "Lili Marleen" (1980), "Lola" (1980), "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982).

 

Seine TV-Serien

 

"Acht Stunden sind kein Tag" (1972) und "Berlin Alexanderplatz" (1980) erlangten Kultcharakter. Sein Motto: "Ich habe im Theater so inszeniert, als wäre es ein Film, und habe dann die Filme so gedreht, als wär's Theater."

 

Seine Eltern

 

Vater Helmut Fassbinder (1918-2010) war Arzt, Mutter Liselotte Eder (1922-1993) Übersetzerin. 1951 ließen sich die Eltern scheiden, Rainer Werner wuchs bei der Mutter auf, die sich später auch um seine Filmgeschäfte kümmerte. Nach seinem Tod gründete sie die Rainer Werner Fassinder Foundation.

 

Seine Clique

 

Er war der unumstrittene Mittelpunkt einer Freundesclique von Schauspielern, Autoren, Filmtechniker und Verehrern. Man verkehrte vorwiegend in den Münchner Lokalen "Deutsche Eiche" und "Alter Simpl". "Mit zunehmendem Erfolg verlor er in seinem persönlichen Leben immer mehr den Halt. Er trampelte auf den Gefühlen seiner engsten Freunde herum, soff, hurte, schlug um sich. Irgendwann reichte ihm der Alkohol nicht mehr, auch nicht die 100 Zigaretten am Tag; er kam ans Kokain - und nicht mehr davon los", schreibt die Zeitzeugin Franziska Sperr.

 

Seine Stars

 

Fassbinder gründete großartige Karrieren - und zerstörte sie auch, ganz wie es ihm passte. Großartige Schauspieler wie Günther Lambrecht, Karlheinz Böhm und Brigitte Mira blühten bei ihm wieder auf und reiften mit ihm zu Berühmtheiten heran. Sein Superstar war die kongeniale Hanna Shygulla (Jahrgang 1943), die eine internationale Karriere machte und heute in Paris und Berlin lebt. Auffällig viele Kollegen und Freunde haben Rainer Werner Fassbinder zwar überlebt, starben allerdings ebenfalls früh, u.a. starb 2001 Drehbuchautor Peer Raben, Kurt Raab erlag 1988 seiner Aids-Erkrankung, Barbara Valentin starb 2002 an einer Gehirnblutung, Rosel Zech verschied an Knochenkrebs.

 

Seine Lieben

 

Rainer Werner Fassbinder war bisexuell, wobei seine Leidenschaft den Männern galt. Von 1970 bis 1972 war er mit der Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven verheiratet, die in aller Öffentlichkeit mit kindlicher Naivität von ihrem "tollen" Sex schwärmte. Mit dem farbigen Schauspieler Günther Kaufmann ("Der amerikanische Soldat") hatte er zwischendurch eine Beziehung, ebenso mit dem Algerier El Hedi ben Salem, sein Star in "Angst essen Seele auf".

Der verheiratete Darsteller (vier Kinder) überfiel später in Paris ein Juweliergeschäft und starb 1976 im Gefängnis an einem Herzinfarkt. Den Metzger und Schankkellner Armin Meier hatte Fassbinder in seiner Schwulenstammkneipe "Deutsche Eiche" kennengelernt. Mit ihm war er drei Jahre zusammen, Meier spielte auch in einigen seiner Filme mit. Als Fassbinder 1977 die Beziehung beendete, nahm sich Meier mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben. Fassbinder widmete ihm 1978 den Film "In einem Jahr mit 13 Monden".

Bis zu seinem Tod lebte Fassbinder mit der Cutterin Juliane Lorenz zusammen. Sie behauptet sogar, dass sie den Regisseur Fort Lauderdale (Florida, USA), geheiratet habe, was Freunde allerdings anzweifeln. Lorenz erzählt, dass sie im Überschwang der Gefühle den Trauschein vor lauter Freude aus dem fahrenden Auto geworfen zu hat.

 

Sein Grab

 

So berserkerhaft wie er gearbeitet hat, so hat er auch getrunken, geraucht und Kokain geschnupft. Als er tot war, haben in der Filmstadt München viele, die ihm zu Lebzeiten (buchstäblich) in den Hintern gekrochen sind, die Dreckskübel ausgeleert. Seine Mutter Liselotte Eder und die Lebensgefährtin Juliane Lorenz mussten lange darum kämpfen, bis Fassbinder ein Urnengrab auf dem Münchner Prominentenfriedhof Bogenhausen bekam.

 

Seine Spuren

 

Nach wie vor ist die "Deutsche Eiche" ein Treffpunkt der Szene. Franziska Sperr beschreibt in einem literarischen München-Guide weitere Spuren: "Du fehlst', steht an der Wand neben dem Eingang zum Couch Club, Klenzestraße 89. Darüber: der Rainer. Ein Schablonen-Grafitti-Porträt, eine Momentaufnahme, in schwarz-weiß, nicht groß, aber eindringlich. Er führt die Zigarette zum Mund und schaut uns gar nicht an. Er schaut ins Leere, ins Weite. Ignoriert die anbiedernde Beflissenheit, mit der man in München seinen Mythos pflegt, etwa mit einem Rainer Werner Fassbinder-Platz, irgendwo im Niemandsland der Neubau-Quartiere, jenseits des Schienenhauptstrangs zwischen Donnersberger- und Hackerbrücke. Dorthin hat man auch Erika Mann und Marlene Dietrich als Namenspatrone für unbedeutende Sträßchen verbannt.

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