Quentin Tarantinos 'The Hateful Eight': Blutiger Krimi mit Jennifer Jason Leigh, Kurt Russell & Co.

"The Hateful Eight": Blutiger Krimi im Wilden Westen
Oswaldo (Tim Roth, l.) erklärt der Verbrecherin Daisy (Jennifer Jason Leigh) und John "The Hangman" (Kurt Russell), was Gerechtigkeit bedeutet © The Weinstein Company

Durchforstet man seinen Verstand nach einem Schlagwort, das geniale Dialoge, skurrile Situationen und schonungslose Gewaltdarstellung vereint, fällt einem als erstes der Name Quentin Tarantino ein. Ob die berühmte "Uhr im Arsch" bei "Pulp Fiction", die Gangster-Debatte zum Song "Like A Virgin" in "Reservoir Dogs", oder die Anime-Einlage in "Kill Bill": Wo Tarantino draufsteht, ist in aller Regel beste und, trotz unzähliger Referenzen an alte Filme, innovative Kino-Unterhaltung drin. Würde dieses bislang so erfolgreiche Konzept jemals scheitern, sich totlaufen, zu einer Karikatur seiner selbst verkommen? "The Hateful Eight" beantwortet diese Frage.

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Ungewöhnliches Kammerspiel

 

Jeder gegen Jeden

 

Eine Postkutsche rauscht durch die schneebedeckte Landschaft Wyomings, die aufgewühlte Natur wie ein Sinnbild der aufgewühlten Nation: Erst langsam beginnen sich nach Ende des Sezessionskriegs 1865 die Gräben zwischen den Süd- und Nordstaaten der USA zu schließen. Und so findet sich im winzigen Innenraum der Kutsche das erste hasserfüllte Quartett bereits ein: Da wären der gesetzestreue John "The Hangman" Ruth (Kurt Russell) und seine zum Tode verurteilte Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die ihre Abneigung zueinander unverhohlen ausleben. Und auf der anderen Seite der dunkelhäutige Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und der ehemalige Südstaaten-Soldat Chris Mannix (Walton Goggins), die einander sogar noch mehr verachten.

Auf die ausstehenden vier Gestalten für die titelgebende Achtecksbeziehung des Hasses stoßen die Reisegefährten wider Willen in einer einsamen Berghütte, Minnies Kurzwarenladen. Doch von Besitzerin Minnie ist weit und breit nichts zu sehen und die drei Gäste nebst dem mexikanischen Aushilfswirt übertreffen sich in Fragwürdigkeit. Sandy Smithers (Bruce Dirn), ein verwirrt wirkender Ex-General der Konföderierten sitzt apathisch in einem Sessel vor dem lodernden Kamin, Oswaldo Mobray (Tim Roth) leistet ihm Gesellschaft. Und dann wäre da noch Joe Cage (Michael Madsen), ein Revolverheld, der für sich alleine im Eck des Hauses kauert. Kaum ist die störrische Tür zugenagelt und die Gruppe vom Rest der Welt endgültig abgeschnitten, beginnt das Rätselraten: Welcher der Recken ist wirklich der, für den er sich ausgibt - und wer wird die Nacht überleben?

 

Western im Doppelpack

 

Tarantino überraschte nicht wenige Menschen mit seiner Entscheidung, nach "Django Unchained" gleich den nächsten Western hinterherzuschieben. Wohl noch als unzureichend "hommagisiert" empfand er den wichtigen Teil seiner filmischen Früherziehung, den Spaghettiwestern. Und so sicherte er sich mit Ennio Morricone die Dienste des italienischen Komponisten, der mit den Soundtracks zu "Zwei glorreiche Halunken" und "Spiel mir das Lied vom Tod" nicht minder als Filmgeschichte schrieb. Und diese Western-Expertise weiß man auch binnen Sekunden von "The Hateful Eight" zu schätzen. Was könnte also schiefgehen?

Unter einem guten Stern stand das "The Hateful Eight"-Projekt schon gleich zu Beginn nicht: Zuerst wurde sehr zum Ärger des Regisseurs das Drehbuch ins Internet geleakt, nach dem Dreh passierte dieses Unglück sogar mit dem fertigen Film ein weiteres Mal. Und zu schlechter Letzt sorgte dann auch noch Herr Tarantino höchstpersönlich mit fragwürdigen Aussagen in der Öffentlichkeit für verdutzte Fans.

 

Schmelztiegel USA

 

Mit "The Hateful Eight" gibt Tarantino seinen ganz eigenen, verdammt blutigen Geschichtsunterricht. So dauert es etwa nicht lange, ehe sich die Hütte in ein streng aufgeteiltes Süd-Nord-Gefälle verwandelt und sich der Streifen dabei zusehends in einen interessanten Genre-Mix verwandelt. Denn bei der Suche nach der wahren Identität der einzelnen Hüttenbewohner entpuppt sich "The Hateful Eight" als wahnwitzig brutaler Western-Krimi.

Tatsächlich sind einige Szenen derart übertrieben, dass sie noch nicht ganz ins Lächerliche, aber definitiv ins Karikatureske abgleiten. Störte das bei einem überkandidelten Action-Flick wie "Kill Bill" nicht, trug vielmehr zur Unterhaltung bei, ist das bei "The Hateful Eight" schon problematischer. Viele Kritiker monierten bereits, alle Figuren seien schlichtweg zu böse, als dass man sich mit ihnen identifizieren wolle. Das stimmt auch, nur kommt erschwerend eben auch noch hinzu, dass sie allesamt derartige Karikaturen sind, dass man sich ohnehin nicht mit ihnen identifizieren könnte.

Tim Roth mimt den Briten Oswaldo in seiner besten Christoph-Waltz-Imitation und Samuel L. Jackson wirkt zuweilen, als sei er eine Reinkarnation seines Geldbeutels aus "Pulp Fiction" - ein böser schwarzer Mann ("Bad Motherfucker"). Gemeinsam mit Kurt Russels "Mann aus den Bergen"-Darbietung und Walton Goggins' unterhaltsame, aber durch und durch überspitzte Version eines Südstaaten-Hillbillys beschleicht einen früh im Film das ungute Gefühl, Tarantino habe es dieses Mal in manchen Bereichen schlichtweg übertrieben. So ist auch die Laufzeit von 170 Minuten wieder einmal deutlich zu lange ausgefallen, aber auf einen schneidewilligen Cutter verzichtet Tarantino ja schon seit "Kill Bill".

 

Acht Feinde sollt ihr sein

 

Ein Vergleich liegt bei "The Hateful Eight" auf der Hand. In seinem Erstlingswerk "Reservoir Dogs" sperrte Tarantino keine Revolverhelden in einer Hütte, sondern Räuber in einer Fabrikhalle ein. Zum großen Teil durch die gegenwärtigere Story von "Reservoir Dogs", aber eben auch durch die bessere Figurenzeichnung von Mr. Pink und Co., geht der Film von 1992 im Duell der Tarantino'schen Kammerspiele als klarer Sieger hervor. Auch, weil ähnlich der Charaktere die Gewalt ungleich realistischer, dabei aber kaum reduzierter daherkam. Woran könnte man das besser festmachen, als an Michael Madsen und Tim Roth, die sich in beiden Filmen durch Unmengen an Blut kämpfen mussten?

Apropos ehemalige Schauspieler: Tarantino bewies bislang schlafwandlerische Sicherheit darin, einen abgehalfterten Star wieder ins Rampenlicht zu führen. David Carradine in "Kill Bill" etwa, Kurt Russell in "Death Proof" und John Travolta wird ihm für seine Rolle in "Pulp Fiction" wohl noch immer täglich eine Dankeskarte schicken. Vielleicht hätte es "The Hateful Eight" aber gut getan, daraus kein Klassentreffen seiner ehemaligen Darsteller zu machen. Denn ausgerechnet die Neulinge wie Goggins und Jennifer Jason Leigh sind es, die den Film ihren Stempel aufdrücken können und überzeugen. Nicht umsonst ist es Leigh, die sich als Einzige für einen Oscar in Stellung bringen konnte.

 

Fazit:

 

"The Hateful Eight" entlässt wohl viele Zuschauer zwiegespalten in den Abend, oder angesichts der Spielzeit vielmehr in die Nacht. Es bleibt das ungute Gefühl, dass aus einer tollen Idee samt guter Schauspieler und gelungener Atmosphäre mehr hätte werden können, ja vielleicht müssen. Doch Tarantino übertreibt es dieses Mal mit vielen seiner Markenzeichen und Schauwerten.

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