Quentin Tarantinos 'The Hateful 8' mit Samuel L. Jackson und Jennifer Jason Leigh: Spiel mir das Lied vom Blut

Quentin Tarantinos 'The Hateful 8' mit Samuel L. Jackson
Samuel L. Jackson (re.) gehört schon fast zu Stammbesetzung eines Tarantino-Films © Andrew Cooper

4 von 5 Punkten

Da ist er also endlich: Quentin Tarantinos achter Kinofilm ‘The Hateful Eight‘ hat es tatsächlich auf die Leinwand geschafft. Eigentlich hatte der Kultregisseur die Faxen schon dicke und das Projekt abgeblasen, nachdem das Drehbuch ungeplant ins Internet geraten war. Eine öffentliche Lesung des Skripts konnte den eigensinnigen Regisseur aber doch noch umstimmen. Zum Glück, denn ‘The Hateful Eight‘ ist ein echter Tarantino, der zwar ein bisschen braucht, bis er Fahrt aufnimmt, mit seinem exzessiven Ende, das in einen wahren Blutrausch gipfelt, aber keine Fan-Wünsche mehr offen lässt.

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Von Thomas Ziemann

Das bizarre Schauspiel beginnt irgendwo im Nirgendwo in Wyoming kurz nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Zu den großen Klängen von Italo-Western-Legende Ennio Morricone (‘Spiel mir das Lied vom Tod‘) bahnt sich eine Postkutsche den Weg durch einen Schneesturm. Schon in der ersten Einstellung entfaltet sich die ganze mitreißende Bildgewalt. Kein Wunder, hat Tarantino doch extra Kameraobjektive aus dem Hut gezaubert, die so seit den 60er Jahren nicht mehr genutzt wurden. Dass nur wenige Kinos auf diesem Planeten das verwendete 70-Milimeter-Format überhaupt noch abspielen können, war dem Altmeister natürlich herzlich egal. Tarantino eben.

Aber zurück zum Schneesturm und der Postkutsche. In der sitzt nämlich Kopfgeldjäger John "Der Henker" Ruth (Kurt Russell) mit seiner bereits übel zugerichteten Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), für die er in Red Rock ein saftiges Kopfgeld abkassieren will. Unterwegs gesellt sich der schwarze Ex-Offizier Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) dazu. Mittlerweile ebenfalls Kopfgeldjäger. Im Gegensatz zu Ruth liefert er seine Gefangenen allerdings lieber tot als lebendig ab. Komplettiert wird die illustre Reisegruppe durch den etwas schusselig wirkenden Chris Mannix (Walton Goggins).

Wie bei einer Partie Schach bewegt Tarantino die Figuren hin und her

Quentin Tarantinos 'The Hateful 8' mit Samuel L. Jackson
Kurt Russell spielt den fiesen Ganoven John 'Der Henker' Ruth © Andrew Cooper

Da der Sturm ihnen immer noch im Nacken sitzt, machen sie notgedrungen Station in Minnies Kurzwarenladen. Ein fataler Fehler. Denn von der sonst so gastfreundlichen Wirtin ist keine Spur. Dafür hat es sich bereits eine andere Gruppe fieser Schurken vor dem Kamin gemütlich gemacht: Der smarte Henker von Red Rock (Tim Roth), ein eher schüchterner Mexikaner namens Bob (Démian Bechir), der auffällig unauffällige Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) und ein in die Jahre gekommener General (Bruce Dern). Nun sind es also acht Ganoven und schnell wird klar, warum Tarantinos Film heißt, wie er heißt. Ein Haufen fieser Schurken, in deren Visagen der gegenseitige Hass und das Misstrauen eingebrannt sind.

Der Plot lebt von den famos spielenden Darstellern. Nichts ist, wie es zu sein scheint. Wie bei einer Partie Schach bewegt Tarantino die Figuren hin und her. Die Frage, ob hier überhaupt jemand in einem Stück wieder rauskommt, schwebt zu jeder Sekunde über der Szenerie. Die Spannung steigt ins Unermessliche, bis plötzlich jemand den ersten Zug macht. Ab diesem Moment eskaliert die Situation und Tarantino lässt wie schon beim grandiosen Showdown von ‘Django Unchained‘ seiner Faszination für Splatter und Gewaltexzesse freien Lauf. Niemand ist mehr sicher. Fast schon verschwenderisch werden Blut und Eingeweide an Boden und Wänden von Minnies kleinem Lädchen verteilt. Es werden vergiftete Innereien erbrochen, Arme mit einer Axt abgetrennt und Köpfe explodieren. Diese Bilder sind zwar nichts für Zartbesaitete, doch in Kombination mit den überraschenden Wendungen und dem überdrehtem Humor, tatsächlich ganz großes Kino.

Mit ‘The Hateful Eight‘ erweist Quentin Tarantino dem Italo-Western auf seine eigene groteske Weise eine Ehre. Die Musik ist episch, die Bilder mitreißend und die Handlung voller Taschenspielertricks. Auch wenn der Film es seinen Zuschauern durch die mit Wortgefechten aufgeblähte erste Hälfte nicht immer leicht macht, vermag das epische Finish alles wieder rauszureißen. Vielleicht - oder besser gesagt, ganz sicher - ist ‘The Hateful Eight‘ nicht Tarantinos bester Streifen, doch er unterstreicht wieder einmal eindrucksvoll seine absolute Ausnahmestellung. Wer sich einen Tarantino-Film anschaut, der bekommt einen Tarantino-Film. Und das ist gut so!

Kinostart: 28. Januar 2016

Genre: Western

Originaltitel: The Hateful Eight

Regisseur: Quentin Tarantino

Filmlänge: 167 Minuten

Darsteller: Samuel L. Jackson, Jennifer Jason Leigh

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