Pulsierendes Lebensgefühl: 100 Jahre Samba

Samba
Musik und Tanz an der berühmten "Pedra do Sal" im früheren Sklavenviertel in Rio de Janeiro. Foto: Georg Ismar © deutsche presse agentur
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Hier, wo ab dem 17. Jahrhundert die Sklaven ankamen und den Samba nach Brasilien brachten, wird er heute noch gefeiert. An der berühmten "Pedra do Sal", der in den Meeresfelsen geschlagenen Treppe im Zentrum Rios, wird montags und freitags ein Tisch aufgebaut: Musiker kommen, setzen sich, fangen an zu spielen.

Und Tausende Menschen auf dem ganzen Platz, auf der Treppe, summen mit, bald ist es eine wogende, glückselige Masse. Früher schleppten hier die ihrer afrikanischen Heimat entrissenen Zwangsarbeiter die Salzsäcke von den Schiffen zum Salzmarkt die breite Treppe hinauf. Ihre Kraft bildeten die mitgebrachten Melodien und Instrumente.

Ganz in der Nähe des Sklavenviertels von Rio de Janeiro setzten sich im Jahre 1916 der Musiker Donga und der Journalist Mauro de Almeida hin und schrieben in einer Wohnung an der Praça Onze ein Lied.

Sie konnten nicht ahnen, dass sie Geschichte schreiben werden. Quasi "per Telefon" machten die beiden aus der bis dahin nur von Musiker zu Musiker überlieferten Musikrichtung ein weltweites Vermächtnis.

"Pelo telefone"; "Am Telefon" lautete ihr Titel, am 27. November 1916 wurde die Komposition als erster aufgenommener Sambasong offiziell von der Nationalbibliothek in Rio registriert - hier war damals noch die Hauptstadt. Auch wenn es immer wieder Diskussion über Sambalieder gibt, die vielleicht zuvor schon aufgenommen worden sind, gilt dies offiziell als Geburtsstunde - und wird mit Konzerten, Führungen zu den prägenden Orten und Musik-Workshops bis Ende November gefeiert.

"Das ist unser Gründungsmythos, die Alma Carioca", die Seele Rios, meint der Universitätsprofessor João Baptista Ferreira, der seit 14 Jahren Touren auf den Spuren der Stadtgeschichte anbietet - derzeit werden natürlich die Sambastationen besonders stark frequentiert - es ist auch ein Wandeln auf den Spuren des dunklen Sklavenkapitels.

Bis heute ist Rio die Wiege des Samba, "pelo telefone", von eher schlichten Inhalt, machte dann im Karneval 1917 Furore. Es geht um einen Polizeichef, der am Telefon vom verrückten Leben der Bewohner Rios, der Cariocas, berichtet, manchmal mute es wie Roulette an. Mit dem Samba, diesem pulsierenden Lebensgefühl lasse man die Probleme hinter sich. Das bringt es bis heute auf den Punkt. Die besten Sambaschulen wie der Karnevalsgewinner Mangueira sind in den Favelas - allerdings sind die lauten Trommelrhythmen nicht zu verwechseln mit der klassischen Samba, die weltweit ab den 60er Jahren Furore machte.

Während der ursprüngliche Sambasound schwarz geprägt war, entstand in den weißen Strandvierteln wie Ipanema damals die neue, mit Jazz- und Reggaeelementen angereicherte Richtung: der Bossa Nova. Der Spielfilm "Orfeu negro" (1959) über Rio und seine Musik gewann den Oscar für den besten ausländischen Film. Bis zum Aufkommen der Beatles prägte die Brasilien- und Bossa-Nova-Welle jahrelang Tanzsäle und Plattencharts. Samba und Bossa Nova wurden Weltmusik, vermittelten in kalten europäischen Wintern die Sehnsucht nach Strand, Sex und Sonne.

Auch wenn gerade tiefe Rezession herrscht und fast der halbe Kongress in Korruptions- und andere Skandale verwickelt ist: Die Musik, die Herz-Schmerz-Geschichten, die das Leben dieser so widersprüchlichen Stadt erzählen, das lassen sie sich nicht nehmen. Es ist elementar für die "saudade", das Wohlbefinden. Bei den Olympischen Spielen in Rio präsentierten sich die Besten der Besten; Model Gisele Bündchen marschierte einsam als "Girl from Ipanema" durch das Maracanã. Ja, das "Girl from Ipanema" - der so oft gecoverte Rio-Song schlechthin hat sogar Auswirkungen bis hin zur Benennung des Flughafens von Rio.

Er ist nach Tom Jobim benannt, einem Musiker statt dem sonst üblichen Politiker. Die Legende geht so: Jobim und der Dichter Vinícius de Moraes sitzen in einer Bar in Ipanema und genießen das Leben. Die bildhübsche Helô (17) schlendert vorbei. Sie zieht die Blicke der Bargäste auf sich, die beiden Musiker greifen zum Stift. Ton und Text entstehen auf der Papiertischdecke. Helô, die zu Olympia sogar die Fackel tragen durfte, wurde zum "Girl from Ipanema", portugiesisch "Garota de Ipanema": "Olha que coisa mais linda, mais cheia de graça" - "Schau doch nur, was für ein schöner Anblick, so voller Anmut".

Zu seinen Ehren steht auch eine lebensgroße Bronzefigur von Jobim am Strand in der Nähe der Kneipe. Der Song von 1962 prägte den Bossa Nova, Sänger wie João Gilberto erlangten Weltruhm. Vieles lebt von der Improvisation, so wie in der über 50 Jahre alten Garagenbar Bip Bip in Copacabana, hier wurden Karrieren geboren. Der knorrige Wirt Alfredo sitzt abends auf drei übereinander gestapelten gelben Plastikstühlen und wartet auf Musiker. Die kommen irgendwann, setzen sich an den Tisch und fangen an zu spielen. Wildfremde Menschen summen und tanzen zusammen - aber Beifall darf nur mit den Fingern geschnipst werden - wegen der Nachbarn. Diese Rücksichtnahme ist für Rio fast so außergewöhnlich wie ein Tag ohne Sambamusik am Strand.


Quelle: DPA
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