Polanskis 'Der Gott des Gemetzels'

Polanskis 'Der Gott des Gemetzels'

3,5 von 5 Sternen

Ein Junge schlägt einem anderen auf dem Spielplatz zwei Zähne aus. Doch das ist nichts gegen das, was sich ihre Eltern am folgenden Nachmittag antun werden. Für die Verfilmung des bitterbösen Vier-Personen-Stücks 'Der Gott des Gemetzels' von Yasmina Reza konnte Roman Polanski Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly gewinnen – Gipfeltreffen der Charakterdarsteller.

- Anzeige -

Es beginnt mit einer harmlosen Zankerei unter Jungs, bei der einer der beiden zwei Schneidezähne verliert. Seine Eltern bestellen Mutter und Vater des anderen Jungen zwecks Aussprache in ihre New Yorker Etagenwohnung, wo nach bemühten Floskeln des Bedauerns die Situation zunehmend eskaliert. Gutmensch Penelope (schön verkniffen: Jodie Foster) fordert, dass der andere Junge sich bei ihrem entschuldigt. Ihr Mann, ein etwas simpel strukturierter Eisenwarenhändler (John C. Reilly), reicht dem fremden Paar für ihren Geschmack etwas zu schnell seine Pranke zum Friedensschluss und bietet selbst gebackenen Kuchen an.

Während der selbstgefällige Anwalt Al (Christoph Waltz in seinem Element) ständig via BlackBerry Anweisungen für die Vertuschung eines Pharmaskandals gibt, kotzt seine geschniegelte Bankergattin (unterkühlt: Kate Winslet) das halbverdaute Gebäck über die demonstrativ zur Schau gestellten Kunstbände der Gastgeberin. Nachdem Al in Unterhosen seinen Anzug trocken geföhnt hat, lassen alle auch verbal die Hosen runter. Hier treffen nicht nur unterschiedliche Moralvorstellungen und Erziehungsprinzipien aufeinander, auf einmal kämpfen auch Männer gegen Frauen und jeder gegen den eigenen Ehepartner. Das Mitleid des Publikums gilt bald nicht mehr den beiden prügelnden Jungs, sondern einem Goldhamster, den Michael im Morgengrauen ausgesetzt hat – ein Symbol für die seelischen Grausamkeiten, zu denen diese Eltern fähig sind.

Unterhaltsam, aber etwas enttäuschend

Polanskis 'Der Gott des Gemetzels'

Für seinen ersten Film in Freiheit hat Roman Polanski, der wegen eines Sexualdelikts mit einer Minderjährigen aus dem Jahr 1977 bis Juli 2010 in seinem Ferienhaus im schweizerischen Gstaad unter Hausarrest stand, ausgerechnet ein Kammerspiel gewählt. Dass er das Vier-Personen-Theaterstück von Yasmina Reza zwar in Paris drehte, die Handlung aber von Frankreich in die USA verlegt, ist kein Zufall. In den USA wartet seit über 30 Jahren ein nicht vollstreckter Haftbefehl auf den Regisseur. Zu gern führt er da die Doppelmoral von US-Bürgern vor. Die Beschränkung der Handlung auf wenige Räume wird von Polanski jedoch nicht zugunsten einer klaustrophoben Stimmung verwendet, die cinematografischen Mittel zur Verdichtung eines Theaterstücks bleiben weitgehend ungenutzt.

Wer hofft, dass hier so schön gestritten wird, wie einst bei Liz Taylor und Richard Burton in 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf', wird enttäuscht, auch wenn das Darstellerquartett über weite Strecken gekonnt aufspielt. Die Gesellschaftssatire kratzt nur an der Oberfläche, und als alle betrunken sind und komplett ausrasten, zeigen sich schauspielerische Schwächen, insbesondere bei Kate Winslet, deren vom Suff beschwerte Zunge nicht wirklich überzeugt. Dass die Story nicht auf die ganze Länge trägt, führt dazu, dass sich die knapp 80 Minuten wie zwei Stunden anfühlen. Nett anzuschauen, aber von Polanski hätte man mehr erwartet.

Von Mireilla Zirpins

— ANZEIGE —