Philipp Poisel im Interview: "Liebe will man doch viel lieber fühlen als erklären"

Philipp Poisel: "Ich habe schon viele Liebesbriefe geschrieben"
Philipp Poisel hat schon einige Songs geschrieben, als er Liebeskummer hatte © Grönland Records, SpotOn

Neues Album "Mein Amerika"

Philipp Poisels Texte klingen häufig wie eine intime Liebeserklärung. Durch seine ruhige, manchmal unsichere Stimme scheint es, als würde er dem Zuhörer das Lied ganz persönlich ins Ohr flüstern. Doch wie schafft er das? Ist er selbst so emotional? Im Interview mit spot on news gibt Philipp Poisel (33, "Ich will nur") intime Einblicke in seine Selbstzweifel, seinen ersten Liebesbrief und seine Erinnerungen an die Kindheit, die er noch heute aufleben lässt.

In einem Ihrer Songs, "Erkläre mir die Liebe", suchen Sie nach Erklärungen für die Liebe und das Leben. Hatten Sie Zweifel daran?

Philipp Poisel: Die braucht man gar nicht erklären, man will sie doch eigentlich viel lieber fühlen. Manchmal ist man in einer hilflosen Situation und sucht nach einer Erklärung, in der einem jemand auch einfach ein Gefühl zurückgeben kann. Dann will ich im Grunde gar keine Antwort, sondern dass mich jemand in den Arm nimmt. Das wäre dann vielleicht schon die Erklärung dafür. Das hat auch mit Angst und Zweifel zu tun.

Wann hatten Sie Ihre erste große Liebe? Woher wussten Sie, dass es Liebe ist?

Philipp Poisel: Abgesehen von meiner Schwester und meiner Mutter natürlich, war das in der Grundschule. Da habe ich schon viele Liebesbriefe geschrieben. Von einem Mädchen zu schwärmen und ins Bett zu gehen und zu wissen 'morgen sehe ich sie wieder in der Schule', fand ich damals richtig cool. Aber ich hatte manchmal auch ein bisschen Angst davor, wie es ist, wenn sie den Liebesbrief bekommt und ob er ihr gefallen würde.

Glauben Sie, dass man mit Liebeskummer die besten Liebeslieder schreibt?

Philipp Poisel: Es ist auf jeden Fall ein starker Motor. Ich habe jedenfalls viele Songs geschrieben, als ich Liebeskummer hatte. 'Wie soll ein Mensch das ertragen', zum Beispiel.

Im Song "Zum ersten Mal Nintendo" geht es um Ihre Kindheit. Welche ist Ihre schönste Kindheitserinnerung, welches "erste Mal" werden Sie nie vergessen?

Philipp Poisel: Als ich das erste Mal alleine Fahrrad fahren konnte. Das ist so ein Ereignis, weil ich es vorher nicht für möglich gehalten habe, dass es geht. Mein Dad meinte, er würde mich festhalten, tat er aber gar nicht. Da hatte ich das Gefühl, ich fliege. Ich habe mich umgeschaut, aber er war nicht mehr da und ich konnte allein auf diesem Fahrrad fahren. Dass ich Sachen auch alleine schaffen kann im Leben, das war damals das, was ich gelernt habe und was mir in Erinnerung geblieben ist. Vielleicht auch Sachen, die in meinem Unterbewusstsein sind, Gefühle, an die ich mich jetzt gar nicht mehr erinnern kann.

Gibt es andererseits ein "erstes Mal", das Sie gerne nochmal erleben wollen würden?

Philipp Poisel: Nein, eigentlich suche ich das Gefühl vom 'ersten Mal' immer wieder. Damals war es, als ich mit den Inline Skates einen Trick gut konnte und dann stolz nach Hause gefahren bin, jetzt ist es Amerika. Klar träume ich manchmal von der alten Zeit, und dass Momente wiederkommen. Das finde ich dann auch im Kleinen und im Alltag.

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Philipp Poisel: Schwierige Frage, ob ich etwas anders gemacht hätte. Ich denke mir, dass ich schon so oft in meinem Leben eine andere Richtung eingeschlagen habe, dass ich mir diese Freiheit so gut es geht erhalten möchte. Darum war es auch notwendig, dieses Album zu machen, auf das so viele gewartet haben, um danach vielleicht etwas zu studieren, worauf ich Bock habe. Das fände ich ganz cool.

In "Mein Amerika" beschreiben Sie Amerika, wie Sie es in der Kindheit erlebt haben - durch Nintendo, durch Filme... Das war Ihr Blick auf die große, weite Welt. Jetzt waren Sie endlich dort, singen aber trotzdem "Hier bin ich geboren und hier sterb' ich irgendwann". Sind Sie so heimatverwurzelt?

Philipp Poisel: Mir würde kein anderer Ort einfallen. Ich bin super gerne in Stuttgart und Deutschland. Ich habe immer mal davon geträumt, nach Schweden auszuwandern. Aber ich war in letzter Zeit viel unterwegs. Ich bin auf Touren und in den Zwischenzeiten habe ich viele Freiräume unterwegs zu sein. Weil ich so viele Freunde in ganz Europa habe, besuche ich sie dann das Jahr über. Dadurch ist so viel los, dass dieser Wunsch, wirklich ganz woanders zu sein, gar nicht mehr so arg war. Dann schätzt man die Heimat auf jeden Fall.

Sie singen von Erinnerungen an Wassereis und Nintendo-Spiele und sagen: "Das kommt nie mehr zurück". Vermissen Sie das? Finden Sie es schade, dass die Jugend von heute diese Dinge nicht kennenlernt?

Philipp Poisel: Im Song beschreibe ich Momentaufnahmen. Es gibt manchmal Momente, in denen ich mich wehmütig fühle und denke 'Boah, das kommt nie wieder'. Aber dann kommt es doch nochmal wieder. Ich habe zum Beispiel jetzt wieder angefangen Super Nintendo und Gameboy zu spielen und mache genauso gerne High Scores wie früher. Darum steckt da für mich auch etwas Positives darin. Natürlich kann dieses Gefühl also wiederkommen. Die Jugend von heute hat eben andere Sachen. Ich kann mich mit dieser Zeit auch krass identifizieren und denke gern daran zurück. Auf einer WG-Party lief einmal 'Bravo Hits 94' und es war richtig cool, sich an die Zeit zurück zu erinnern. Vielleicht werden wir irgendwann unseren Kindern erzählen, wie es damals war. Vielleicht lernen sie es dann auf eine andere Art kennen. Oder man gibt ihnen dann einen GameBoy und es ist für sie wieder etwas Neues.

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