Peter Sandmann hat alle Geräusche drauf

Peter Sandmann
Der Geräuschemacher Peter Sandmann bei Proben zum Live-Hörspiel "Hollywood on Air – Verdacht". Foto: Uli Deck © deutsche presse agentur
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Gewusel einer Cocktailparty, Schritte auf einem Kiesweg, Kirchenglocken, Türenschlagen: Kein Geräusch, das Peter Sandmann nicht drauf hat. Sein kleiner Arbeitsbereich auf der Bühne bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe sieht aus wie eine Mischung aus unordentlicher Küche und Hobbyraum.

Der 56-jährige Berliner schlägt zwei Metallstangen aneinander, schon ist die Illusion einer Kirchenglocke perfekt, ein Tennismatch entsteht aus gut koordiniertem Fußgetrappel und einem Ball, für aufgeregten Herzschlag reicht dem professionellen Geräuschemascher ein Küchenhandtuch und ein Mikrofon.

Sandmann sitzt konzentriert neben den Sprechern, er blättert immer wieder im Script und hält Blickkontakt. Schon in der Generalprobe des Hitchcock-Klassikers "Hollywood on Air - Verdacht" klappt fast alles auf die Sekunde. Dass der Geräuschemacher dabei für das Publikum gut zu sehen ist, gehört zur Inszenierung. Geräusche vervollständigen nicht nur bei Hörspielen, sondern auch im Film die Szene. "Mein Ziel ist, dass auch ein Blinder eine Vorstellung der Räume bekommt", sagt Sandmann, der Musiker ist und im Laufe der Jahre immer mehr zum Geräuschemacher wurde.

Regisseurin Regine Ahrem, die die Romanvorlage für das Hörspiel neu bearbeitet hat, nennt den Geräuschemacher einen akustischen Ghostwriter für die Sprecher. Beide Seiten seien gefordert, damit das Zusammenspiel funktioniere. "Jeder muss auf den anderen sehen."

Woher weiß man, mit welchen Mitteln sich ein romantisch knisterndes Kaminfeuer akustisch entfachen lässt (Luftpolsterfolie), wie eine Standuhr tickt (Teller und Gabel)? "Hinhören, ausprobieren und immer wieder durch Zufall." Musikalisch zu sein, helfe sehr. Eine Fundgrube für Geräuschemacher sind Bau- und Trödelmärkte. Da gibt es Scharniere, die nach etwas Verwitterung schön quietschen, und alle möglichen Dinge mit Geräuschpotenzial. "Ich denke in Materialien." Wie viele Utensilien er zum Geräuschemachen besitze, wisse er gar nicht, sagt Sandmann. Damit die Wohnung nicht aussieht wie ein Warenlager, liegt alles in einer extra angemieteten Garage.

In Deutschland gibt es nach Sandmanns Schätzung 20 bis 25 professionelle Geräuschemacher. Sie werden für das Fernsehen engagiert, für Kinofilme oder eben für Hörspielproduktionen. Während im Studio alles Szene für Szene abgearbeitet und auch wiederholt werden kann, ist ein Live-Hörspiel vor Publikum viel komplexer. "Da müssen alle Sachen am richtigen Platz bereitliegen."

Lernen kann man den Beruf nicht so, wie man Bäcker oder Bankkaufmann wird. Nach Angaben der Berufsvereinigung Filmton (bvft) gibt es noch keine offizielle Ausbildungsinstitution. "Der angehende Geräuschemacher lernt in einem Meister-Schüler-Verhältnis von einem erfahrenen Geräuschemacher, bis er eigenständig arbeiten kann", heißt es auf der Internetseite der bvft. Sandmann ging vor 25 Jahren bei Karsten Ray in Berlin quasi in die Lehre und guckte sich das Handwerkszeug ab. Seine Geräusche sind in vielen Produktionen zu hören, etwa in der Serie "Berlin, Berlin" oder in den "Hanni & Nanni"-Filmen, "Am Ende der Milchstraße" oder "Lunchbox".

Dass kein Computer den Beruf des Geräuschemachers verdrängen kann, ist für Sandmann sicher. Denn digitale Geräuschsequenzen könnten nicht auf die spezielle Situation eingehen. Er selbst nutzt manchmal aber zum Beispiel Wassergeräusche vom Speicherstick, weil es praktischer ist. Auch müssten Geräuschemacher heute keine Autotüren mehr im Studio zuschlagen, sagt der Fachmann. Ebenso wie Explosionen kommen solche Geräusche vom Datenspeicher.


Quelle: DPA
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