Pate der Panik: Lindenberg ist "Stärker als die Zeit"

Udo Lindenberg
Udo Lindenberg im Hamburger Hotel Atlantic. Foto: Christian Charisius © DPA

"Der einsamste Moment", sagt Udo Lindenberg, "der kommt oft nachts." Wenn der Rockstar auf keiner Bühne mehr steht. Nicht auf einer vor Zehntausenden Fans, nicht auf der, zu der die Lobby des Hotels "Atlantic" regelmäßig für ihn wird.

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In einsamen Momenten schaltet der Musiker in seiner Hamburger "Panikzentrale" den Fernseher ein, legt sich hin und malt. "Allein sein ist wichtig, auch für so'n geselligen Partyvogel wie mich", erklärt er. "Um mal richtig auszuloten, wo man gerade so unterwegs ist auf der Lebensflugbahn." Seine eigene ging vor acht Jahren wieder nach oben an die Chartspitze. Dahin will er auch mit seinem neuen Album "Stärker als die Zeit".

"Stark wie Zwei", jene Platte, mit der er sich 2008 selbst vom Barhocker wieder auf die Bühne katapultierte, wurde das erste Nummer-Eins-Album seiner Karriere. Kritiker lobten, Fans liebten ihn (wieder). Größere Misserfolge seitdem? Fehlanzeige. Mit seiner "MTV Unplugged"-Aufnahme setzte er noch einen drauf. Und der selbsternannte Panikrocker erlebte ein weiteres erstes Mal seit dem Debütalbum von 1971: seine erste Stadiontour. Seit dem Comeback räumt er, der mit 43 einen, wie er es nennt, "Herz-Kasper" hatte und mit 46 den Echo bereits fürs Lebenswerk bekam, einen Preis nach dem anderen ab, gerade wieder einen Echo.

Ein Titel wie "Stärker als die Zeit" scheint da nur folgerichtig. Zumal beim einstigen Trommler aus Gronau, der sein Einmal-reich-und-berühmt-sein-Ziel selbst als nuschelnder Nicht-Sänger erreichte, immer ein wenig "Größenknall" mitspielt. "Niemand in diesem Land hat so viel Soul wie dieser alte weiße Mann, der das Singen nie gelernt hat", schrieb der "Spiegel" und bescheinigte dem Musiker, seine Stimme habe sich nie besser angehört als auf der neuen Platte. 15 Songs, Balladen und Panikrock-Nummern, in denen er sich treu bleibt und in starken Texten, gefühlvoll und gerockt, dem Leben seine Liebe erklärt.

Den Nachruf auf sich singt er gleich selbst: "Wenn die Nachtigall verstummt, geht ganz Deutschland schwer vermummt, um zu trauern, um zu weinen, in schwarzen Tüchern und in Leinen", malt sich Lindenberg die Bilder nach seinem Ableben aus. Schweres Thema im Udo-Sprech "ganz easy". "Ich kenn den Sensenmann, hab ihn schon paar Mal getroffen", erzählt er. "Kam angeschlichen an die Bar und wollte mich mitnehmen. Aber ich hab ihm gesagt: Nee, geh lieber noch mal um die Häuser, einen saufen, und komm in 30 Jahren wieder. Wir haben den Club der Hundertjährigen gegründet." 70 wird er am 17. Mai, kurz vor dem Finale seiner Stadiontour-Trilogie.

"Ey sorry, ich kann hier echt noch nicht weg, hab ja 'nen Auftrag", sagt er. Wozu auch bescheiden sein, wo ihm doch schon früh klar war: "Die Leute auf der Straße sollen später mal sagen: Guck mal, da geht der berühmte Udo L." Einen "Plan B", wie er einen Song getauft hat, gab es für ihn nie. "Hermann Hesse hat mit 15 gewusst, er wird Schriftsteller oder gar nichts, Mozart war schon mit 13 klar: Riesenkomponist und sonst nichts. Bei mir kam das mit 12." Nie habe er sich arrangieren wollen. "Dafür war es in Gronau zu eng. Dieses Durchgeplante von der Wiege bis zum letzten Gong, ein Leben aus dem Supermarktregal - keine Option."

Obwohl oder auch weil es in Gronau "nicht immer so harmonisch war, wie man sich das als Kind vielleicht gewünscht hätte", habe er es in seinen 50er Jahren selbst versucht: "So'n persönliches, privates Glück mit Häuschen und so. Aber mein Leben im Dienste des Rock'n'Roll ist nicht kompatibel mit so einer bürgerlichen Form", sagt er. "Die Kunst ist eine so fordernde Geliebte, sie lässt keine konventionellen Lieben zu, nur Komplizenschaften." Es war auch jene Zeit, als sich selbst viele Fans von ihm abwandten, er Alkoholjahre weit entfernt vom angemessenen Alterswerk war.

Eine Danksagung an den geschundenen Körper - "Mein Body und ich" - gehört auch zu den 15 Songs. Das Lied sang er 2003 schon, damals sei es eine Vision gewesen. Der Song erschien lange, bevor ihm wieder wirklich zugehört wurde. Er lag "vor der Zeit", wie Lindenberg sagt. Inzwischen sei er wieder "turnschuh-fit". Das "letzte Einhorn, die Realversion von Pippi Langstrumpf", nannte ihn der "Stern" gerade. Lindenberg selbst singt es so: "Einer muss den Job ja machen", wenn sonst kein anderer am Start sei.

Nun ist er offiziell der Pate, als der er sich schon lange sieht: Der Song "Stärker als die Zeit" entstand zu Nino Rotas Filmmelodie aus "Der Pate". Verlag und Erben des Komponisten hätten erstmals und letztmals eine Genehmigung für einen deutschen Text vergeben, sagt Rita Flügge-Timm vom Label DolceRita Recordings. Lindenberg singt über Freundschaft, Zusammenhalt und Unsterblichkeit, die er sich auch für den "Lindiismus" - seine Kunst der Musik und Malerei - wünscht. Er selbst ist das Oberhaupt der "Panikfamilie" aus engen Freunden. "Ich bin gerne Basisdemokrat, aber manchmal muss man den Paten machen und den Hut aufhaben."


dpa
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