Owen Wilson auf romantischer Zeitreise: 'Midnight in Paris'

5 von 5 Punkten

So romantisch und hinreißend war Woody Allen schon lange nicht mehr. In seiner 42. (!) Regiearbeit hat der legendäre Filmemacher eine berauschende Hommage an die Stadt der Liebe in Form eines leichtfüßigen Großstadtmärchens geschaffen. Owen Wilson (‚Nachts im Museum’) übertrifft sich dabei als romantischer Tagträumer selbst - selten hat man den Komiker mitreißender erlebt als hier. Und auch Präsidentengattin Carla Bruni in ihrer ersten Filmrolle konnte einen kleinen, charmanten Part in der filmischen Liebeserklärung an die schönste Stadt der Welt ergattern, die den Zuschauer vor allem mit einem Gefühl zurücklässt: Auf nach Paris!

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Denn so unbeschwert hat man Allen lange nicht mehr erlebt. Schade, dass der Schöpfer solch grandioser Filme wie ‚Der Stadtneurotiker’, ‚Manhattan’ oder ‚Match Point’ sich seine eigenen Filme nie anschaut, wenn sie fertig sind – der immerzu von seiner eigenen Existenz gebeutelte Regisseur hätte bestimmt seine hellste Freude an seinem neuesten Werk. Vielleicht auch in Bezug auf die Einspielergebnisse: An den US-Kinokassen hat die jüngste Allen-Komödie alle seine bisherigen Filme mittlerweile weit übertroffen – ein märchenhafter Rekord. Und märchenhaft ist auch die Handlung: Ein Wunschtraum geht für den Amerikaner Gil (Owen Wilson) in Erfüllung, als er mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams), ein Mädchen aus wohlhabendem Hause, seinen Urlaub in Paris verbringen kann.

Seit seiner Jugend schwärmt Gil von der dortigen Künstlerszene der 20er-Jahre. Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein - das sind die Idole des erfolgreichen Hollywood-Drehbuchautoren, der sich trotzdem sehnlichst wünscht, als ernstzunehmender Schriftsteller Karriere zu machen. Inez allerdings hat kein Verständnis für die Schwärmerei ihres Verlobten. Kann es einen besseren Job geben als einen in der Traumfabrik Hollywoods, dazu noch hochdotiert? Wozu dann irgendwelchen Ambitionen folgen, die lediglich Auswüchse ‚intellektueller Spinnereien’ zu sein scheinen? Genervt von seiner nur noch nörgelnden Verlobten bricht Gil eines Abends alleine auf und verirrt sich natürlich hoffnungslos.

Punkt Mitternacht geschieht plötzlich Wundersames: Gil wird von einer Limousine aufgelesen, die ihn geradewegs in die Roaring Twenties transportiert. Ohne dass er weiß, wie ihm geschieht, landet er bei all den legendären Künstlern, die er immer schon bewundert hat – und das jede Nacht aufs Neue. Er feiert mit den Scott Fitzgeralds, freundet sich mit dem Macho Ernest Hemingway an, flirtet mit einer von Pablo Picassos zahlreichen Affären, inspiriert Luis Bunuel zu einem Film - und Gertrude Stein höchstpersönlich (wie immer grandios: Oscar-Preisträgerin Kathy Bates) kümmert sich um sein noch ungeschliffenes Manuskript. Doch ist das alles nur ein Traum - oder vielleicht doch Wirklichkeit? Mit einem Mal ist nichts mehr so, wie es vorher war…

Allens erster komplett in Paris entstandener Film wurde als Eröffnungsfilm beim 64. Festival in Cannes mit stehenden Ovationen und minutenlangem Applaus bedacht. Völlig zu Recht: Die Leichtigkeit und die augenzwinkernde Naivität, mit der Woody Allen seine Figuren durch die wohl romantischste Stadt der Welt schickt, zaubert dem Zuschauer im Handumdrehen ein Lächeln ins Gesicht und sorgt für dauerhaft gute Laune. Und der wie in den meisten Allen-Filmen großartige Schauspiel-Cast trägt dazu nicht wenig bei. Wie sehr hofft man, dass der mit Owen Wilson genial besetzte Gil sich nicht von seiner Verlobten unterbuttern lässt.

Leider oft vergeblich - Gils herzerwärmende Gutmütigkeit lässt es zu, dass seine dusselige Verlobte sich ihm stets überlegen fühlt, obwohl sie ihm intellektuell und emotional nicht ansatzweise das Wasser reichen kann. Das macht den verhinderten Romanautor aber nur noch sympathischer: Ein grandioser Wilson liefert hier eine seiner schönsten Leistungen ab. Auch Rachel McAdams (‚Morning Glory’) als zickige Super-Schnepfe, für die Geld mehr zählt als Geist, und Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard (‚La vie en rose’) als verführerische Geliebte Picassos brillieren in ihren Rollen. Ein fantastisch-poetischer Film, der intelligent und dramaturgisch ausgefeilt mit den Sehnsüchten seiner Figuren spielt. Beflügelnder ist nur Paris selbst.

Von Norbert Dickten

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