"Operation Zucker. Jagdgesellschaft": Aufreibende Fortsetzung

"Operation Zucker. Jagdgesellschaft": Aufreibende Fortsetzung
In "Operation Zucker. Jagdgesellschaft" geht es um Kinderprostitution und Kinderhandel © BR/Senay Ay

Bei dem Ausdruck "schwer verdaulich" denkt man in der Regel an etwas Essbares wie Bohnen oder fettige Speisen. Im Spielfilm "Operation Zucker. Jagdgesellschaft" geht es aber nicht ums Essen - leider, denn das wäre wahrscheinlich leichter zu ertragen. In der Fortsetzung von Rainer Kaufmanns Pädophilie-Krimi "Operation Zucker" werden erneut die Themen Kinderprostitution und Kinderhandel aufgegriffen. In ungeschönten 90 Minuten stehen in diesem Film neben den unschuldigen Kindern auch die Täter im Fokus - Menschen, hinter deren gutbürgerlicher Fassade sich eine abstoßende Realität versteckt. "Jagdgesellschaft" ist in der Tat schwer verdaulich. Aber auf eine sonderbar befriedigende Weise. Es rüttelt auf.

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Kinderhandel in Deutschland

 

Der Vorgänger

 

Im ersten Teil "Operation Zucker", der mit seinem gewagten Thema schon 2013 für Aufsehen sorgte, versuchen die Polizisten Katrin Wegemann (Nadja Uhl) und Uwe Hansen (Anatole Taubman) ein als Single-Club getarntes Kinderbordell auffliegen zu lassen. Gemeinsam mit der Staatsanwältin Dorothee Lessing (Senta Berger) kämpfen sie nahezu vergeblich gegen einen Pädophilenring, wobei sich Männer mit Rang und Namen als "Kunden" dieses dunklen Geschäfts entpuppen. Nur mit einer gekürzten Fassung war es der ARD hinsichtlich der FSK möglich, das riskante Stück um 20:15 Uhr auszustrahlen.

In der Fortsetzung "Jagdgesellschaft" werden diesmal diese "Kunden" ganz gezielt in den Mittelpunkt gerückt - wieder bekannte Gesichter aus gehobenen Kreisen. Kommissarin Wegemann ermittelt auch im zweiten Teil und verkörpert ihre Rolle erneut mit einer Intensität, die den Zuschauer sofort in ihren Bann zieht. Nach den Geschehnissen von "Operation Zucker" ist sie nicht mehr aktiv und unterrichtet an einer Polizeischule. Doch als sie eines Abends auf den Journalisten Maik Fellner (André Szymanski) trifft, wird ihr Spürsinn wieder geweckt.

 

Ein widerliches Geschäft

 

Fellner, der seit Jahren über Kinderhandel schreibt, braucht Wegemanns Hilfe. Er hat einen Zeugen und konkrete Hinweise - und gerät dadurch selbst ins Visier der Täter. Die Polizistin lässt sich nach Potsdam versetzen und ermittelt an der Seite von Ronald Krug (Misel Maticevic). Die Hoffnung, durch ihr Handeln nach allem doch noch Gerechtigkeit zu erlangen, treibt Wegemann ein zweites Mal in die düsteren Abgründe dieses widerlichen Geschäfts. Die Zusammenarbeit mit Krug funktioniert jedoch erst, nachdem er realisiert, in welchem Ausmaß die Kinderprostitution quasi direkt vor ihren Augen stattfindet.

Für den Zuschauer sind die intensiven 90 Minuten des Spielfilms absolut aufreibend. Der Drang des ungleichen Ermittlerpaars nach Gerechtigkeit, der Hass auf die perfiden Machenschaften und natürlich die Sorge um die unschuldigen Kinder sind nahezu ansteckend. Gebannt verfolgt man die Kommissare, angewidert erträgt man die Bilder, die sich einem bei diversen "Veranstaltungen" oder "Übergaben" bieten. Auch wenn dem Zuschauer keine konkreten Szenen zugemutet werden, reicht die eigene Vorstellungskraft mehr als aus, um schockiert zurückzubleiben.

 

Eine längst überfällige Diskussion...

 

Und das ist auch gut so. Nadja Uhl (43) wünscht sich, dass "nicht nur wir Schauspieler Rollen zu diesem schwierigen Thema annehmen, sondern auch der Mut bei politischen Entscheidungsträgern wächst, endlich etwas zu bewegen." Auch Produzentin Gabriela Sperl ("Tannbach - Schicksal eines Dorfes") ist sich der Tatsache bewusst, dass mit "Operation Zucker" eine längst überfällige Diskussion losgetreten wurde. Mit dem zweiten Film über diesen abgründigen Wirtschaftszweig, der kontinuierlich wächst, wird das Tabu-Thema nun erneut gebrochen.

Die Drehbuchautoren Friedrich Ani (57, "Das unsichtbare Mädchen") und Ina Jung ("Der Fall Peggy") hoffen, dass ihr Film "wachrüttelt und aufmerksam macht". Die Schicksale der Kinder, die ein Leben lang gezeichnet sind, und die ekelhaften Charaktere der Täter mit ihrer perfekten Tarnung - das seien reale Geschichten. Und diese werden in "Jagdgesellschaft" schonungslos umgesetzt. Brillante Schauspieler tragen dazu bei, dass der Film einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Nicht zuletzt die erschütternd realistisch verkörperten missbrauchten Mädchen lassen den Zuschauer hilflos zurück.

 

Recherchierte Tatsachen

 

Ein schwer verdauliches Stück Prime-Time ist es, was die Verantwortlichen einem da vorsetzen. Regisseurin Sherry Hormann (55, "Anleitung zum Unglücklichsein") sagt selbst, es raube einem den Atem, dass es auf recherchierten Tatsachen beruhe. Aber vielleicht ist genau diese unverblümte, realistische Umsetzung notwendig, um ein Thema in die Köpfe der Menschen zu bringen, das manche womöglich lieber unter den Tisch kehren würden, ganz nach dem Motto "Bei uns doch nicht..." Der Film "Operation Zucker. Jagdgesellschaft" wurde am Mittwoch (20. Januar) um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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