'Oben': Cannes Eröffnung mit Pixar-Schätzchen

Ein rüstiger Rentner verzaubert alle

'Oben': Cannes Eröffnung mit Pixar-Schätzchen

Das haben wir in Cannes auch noch nicht gehabt: Das Festival startete mit einem Trickfilm (Pixars „Oben”, außer Konkurrenz), und alle Stars, Sternchen und festlich geschmückten Reichen, die ein Ticket für die Eröffnungsgala ergattert haben, mussten im Kino 3D-Brillen tragen. Einheitslook ist für nach Aufmerksamkeit heischende Promis so etwas wie die Höchststrafe. Aber zum Glück gab's es ja vorher den Roten Teppich, auf dem man als Star seine Individualität noch so richtig ausleben und mit dem protzen durfte, was einem die Designer leihweise zur Verfügung gestellt haben.

Aber es lohnt, sich für das niedliche Trickfilmabenteuer von der Spezialbrille das frisch geschminkte Näschen drücken zu lassen. Die Nasenfahrräder, die das Festival zu mehreren Tausend herbeigekarrt hat, sind leichter als die handelsüblichen daheim. Und auch wenn man nicht sehen kann, ob sich hinter der Brille des Nachbarn ein prominentes Gesicht verbirgt, macht der Film einfach Spaß und ist keineswegs nur ein putziges Abenteuer für Kinder. Der Held des Streifens ist nämlich ein rüstiger Rentner.

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Melancholisch und zugleich sehr humorvoll

Als Kind himmelte Carl den legendären Entdecker Charles Muntz an. Doch die Träume des etwas pummeligen Trottels, eines Tages mit dem frechen Nachbarsmädchen Ellie zu den Paradise Falls in Venezuela zu reisen, wo Muntz mit seinem Zeppelin verschollen ist, gehen nicht auf. Ellie und er heiraten zwar, aber ihr Kinderwunsch geht nicht in Erfüllung, und auch die große Reise ins Abenteuer wird für Reparaturen am Haus und am Auto immer wieder hinten angestellt, bis Ellie Jahrzehnte später das Zeitliche segnet. Eine todtraurige Liebesgeschichte. Als dann der mittlerweile graue, grantlige und einsame Carl auch noch ins Altersheim abgeschoben werden soll, damit sein Haus einer Neubausiedlung weicht, beschließt der Ballonverkäufer im Ruhestand, sein Haus einfach mitzunehmen nach Südamerika.

Er befestigt so viele Helium-Luftballons am Dach, dass sein Hexenhäuschen abhebt, und steuert munter drauflos in Richtung Süden. Aber seine Reise verläuft abenteuerlicher als geplant. Er hat mit dem dicklichen Pfadfinder Russell einen blinden Passagier an Bord, und als die beiden nach einer spektakulären Gewitter-Bruchlandung (so was macht natürlich dreidimensional animiert erst richtig Freude) endlich südamerikanischen Boden betreten, laufen ihnen ein bunter Vogel und ein devoter Hund zu.

Carl will die beiden Viecher so schnell wie möglich wieder loswerden und einen letzten Ruheplatz für sich und sein Haus suchen. Doch dann muss er feststellen, dass sein Idol Muntz noch am Leben ist, aber Böses im Schilde führt. Es wird verdammt eng für Carl, und er muss sich überlegen, ob ihm seine neuen Begleiter nicht doch ans Herz gewachsen sind…

Zunächst fast melancholisch und mit feinem Humor, dann zunehmend turbulenter und ausgelassener erzählt Pete Docter („Monster AG“), der auch das Drehbuch zu „Wall.E“ mitverfasste, die Wandlung des traurigen Opis zum entschlossenen Actionhelden, der nicht davor zurückschreckt, mit seinem Krückstock zuzuschlagen und seinem Feind sein Gebiss ins Gesicht zu spucken.

Die 3D-Animationen sind gelungen und auf dem allerneuesten Stand der Technik, aber nie aufdringlich eingesetzt. Meist benutzt Docter die Computereffekte nur, um die Räumlichkeit seiner Bilder zu unterstreichen, manchmal springt einem aber auch einer von Muntz’ sabbernden Bluthunden fast auf den Schoß. Für ganz kleine Kinder ist „Oben“ damit nichts, aber das macht den Film für Erwachsene und vor allem für das Festival gerade interessant. Und die 3D-Brille hat noch einen anderen angenehmen Nebeneffekt. Wenn man, weil die hübsch ausgedachte Geschichte so ans Herz geht, das eine oder andere Tränchen vergisst (ja, ich gesteh’s), kann man notfalls mit dem schwarz-roten Ungetüm aufs stille Örtchen des Festivalpalastes huschen, um das Make-up wieder zu richten für die nächste Party.

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