Nicolas Sturm startet mit Debüt-Album durch

Nicolas Sturm präsentiert sein Debüt-Album
Selbstbetiteltes Debüt-Album von Nicolas Sturm, VÖ.17.08.

Mit Ben Hur an den Nordpol

Um den guten, alten Konjunktiv kommen wir auch hier mal wieder nicht herum. Also, was wäre wohl passiert, wenn...

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...wenn dieser deutsche, mit ganz viel Blur, Pulp und Oasis sozialisierte Brit-Pop-Jünger damals tatsächlich ans Liverpool Institute For Performing Arts, kurz: LIPA gegangen wäre? Das harte Bewerbungsverfahren für die renommierte Hochschule, die ein gewisser Sir Paul McCartney 1996 im lange nur verfallenden Gebäude seiner alten Schule ins Leben rief, hatte er ja erfolgreich überstanden. „Mein Plan war“, erinnert sich Nicolas Sturm an die Weichenstellung vor über einer Dekade, „dort zu studieren, in England zu bleiben und vielleicht merkt ja keiner, dass ich Deutscher bin?“ Doch Gespräche mit Studierenden und mit sich selbst nährten denn doch erhebliche Zweifel am Plan.

Und so blieb der Jünger lieber daheim und studierte Englisch. Gut so, denn womöglich wäre dieses Album sonst nie entstanden. Dieses selbst benannte Debüt, auf dem Nicolas Sturm – von OMAHA Records bereits als „angry young man des deutschen Singer/Songwriter Pop“ tituliert – jetzt diese deutschen Zeilen singt, die immer wieder hängen bleiben, und dann einfach mal so anglo-amerikanische Referenzen von Bob Dylan bis Buddy Holly dazwischen schiebt, als wäre es das Natürlichste von dieser Welt. Was es vermutlich auch ist für den gebürtigen Stuttgarter, der in Hannover, Frankfurt und Karlsruhe aufgewachsen ist und dann ziemlich lange in Freiburg lebte.

Zu entdecken ist hier jedenfalls ein 30-jähriger Sänger und Songschreiber, der mit Selbstmitleid aus dem Zettelkasten nicht viel anfangen kann und aufkeimende Melancholie gerne mal mit ziemlich temporeicher Musik torpediert. Der diesen „Idealist“ vielleicht gerade deshalb so emphatisch besingen kann, weil er selbst doch eher als Realist unterwegs ist. Der das Leben manchem „Schiffbruch“ zum Trotz nicht wesentlich melodramatischer nimmt als es meistens gerade ist, auch wenn sie ihm manchmal eine Straße durchs Herz und ein Hochhaus ins Hirn bauen wollen. Und der gleichzeitig im „Prolog“ seines Debüt-Albums die Echtheit ebendieser Gefühle in Frage stellt.

Überhaupt wird die Suche nach „Authentizität“ bei Nicolas Sturm gerne ad absurdum geführt, wie Popconnection treffend anmerkt: „Während neben Popstars und -Sternchen mittlerweile auch Politiker unterschiedlichster Färbung keine Situation ungenutzt verstreichen lassen, ihre "Echtheit" spazieren zu tragen, macht es Nicolas Sturm irgendwie anders, irgendwie humorvoller - und vor allem - intelligenter. Zwischen Melancholie, Ironie und Surrealismus schwimmen die Wortbilder und machen es dem Zuhörer alles andere als einfach, den "authentischen" Nicolas Sturm zu erkennen. Im seltsamen Niemandsland zwischen Alltag und Surrealismus treiben seine Lieder, mal im Dickicht der Großstadt, mal im Labyrinth seiner Synapsen, und schaffen mehr Frage- als Ausrufezeichen.“

Trotz Rolle als Sänger/Songschreiber immer auch Bandmusiker

Nicolas Sturm
Sänger und Songschreiber Nicolas Sturm

Fragezeichen tun sich auch auf, wenn Nicolas Sturm seine Situation als Solokünstler kontempliert. Sturm, der zuvor in diversen Bands verschiedenste Instrumente gespielt hat, begreift sich trotz seiner Rolle als Sänger/Songschreiber immer auch als Bandmusiker.

„Es stand damals die erste Tour an“, erinnert er sich, „aber ich wollte nicht alleine losziehen. Also habe ich Jeremy gefragt, ob er nicht Lust hat mich zu begleiten.“ Jeremy wie Jeremy Dhôme, Halbfranzose, und seit einer halben Ewigkeit als Schlagzeuger an Sturms Seite. Gut, er „weigert sich zu singen“ (Sturm), spielt dafür aber nebenher noch andere Instrumente, die eher klein sind, aber große Wirkung zeitigen. Wie dieses Glockenspiel, das „Zetermordio“ so charmant macht, trotz Blut an den Händen. „So entstand auch die Idee des Klingen Ensembles. Damit ist die Duo-Form live zum Teil des Konzepts geworden.“

À propos Konzept: Die gewachsene Duo-Einheit sollte denn auch Grundlage des Albums werden. So wurden alle Songs live zu zweit eingespielt und später mit weiteren Instrumenten „verstärkt“. Gleichzeitig ist es Sturm ein Anliegen, dass sich die Songversionen auf dem Album vom Konzerterlebnis durchaus unterscheiden: „Ich bin kein Fan von 1:1 Umsetzungen des Albums auf der Bühne. Die Arrangements sollten variieren, besonders, wenn die Songstrukturen eher einfach sind, wie im Pop eben üblich. Und in unserem Fall als Duo ist das ja sogar zwingend notwendig.“

Während für die Aufnahmen zum Album zum ersten Mal ein richtiges Tonstudio aufgesucht worden ist, hatte Nicolas Sturm seine „Doppelleben“ EP 2010 noch daheim bei sich im Keller „mit drei Mikros überm Schlagzeug“ eingespielt. Es reichte trotz Lo-Fi für allerlei Lobpreisungen. „Als würden Element Of Crime entspannten Indie-Folk mit rasselndem Schlagwerk veranstalten“, fiel Allschools dazu ein. Während Alles-Ist-Pop sich fragte, „wofür man stärker applaudieren soll, für die kunstvoll gearbeiteten kleinen musikalischen Schmuckkästchen oder die textlichen Kleinode, die sich in ihnen verbergen.“ Doch das bisher schönste Kompliment stammt nach wie vor von Peter Handke. Nicolas Sturm, das sei „Deutschsprachige Popmusik, die man hören kann, ohne dass sich einem dabei der Wunsch aufdrängt, dem Sänger eine halbgare Kartoffel in den Mund zu stopfen.“ Wobei die Ironie natürlich darin liegt, dass der Mann, der diesem Schicksal völlig verdient entgeht, doch selbst so lange mit der deutschsprachigen Popmusik haderte. Damals, als er noch überlegte, sein musikalisches Glück vielleicht in Liverpool zu suchen.

Und warum singt Nicolas Sturm jetzt auf „Nicolas Sturm“ ausschließlich Lieder, die mit gerade mal einem Wort als Titel auskommen? Sollte das etwa… „Ja, das ist ebenfalls Teil eines Konzepts. Wenn man nur ein Wort wählt, das auch nicht zwingend im Refrain des Songs vorkommen muss, gibt das dem Hörer noch mal mehr Möglichkeiten zur Interpretation, mehr Freiheiten in der Wahrnehmung des Textes.“ Wenn wieder eine dieser Zeilen kommt, die einfach hängen bleibt.

Tracklist:

1. Prolog (3:22)

2. Herzkammer (3:36)

3. Ben Hur (3:59)

4. Löcher (4:11)

5. Schiffbruch (3:45)

6. Windmühlen (4:39)

7. Idealist (2:57)

8. Sauerstoff (3:06)

9. Nordpol (3:29)

10. Zetermordio (3:05)

11. Ikarus (2:10)

12. Baustelle (4:25)

Wer Nicolas Sturm zudem einmal live erleben möchte hat dafür gleich mehrere Gelegenheiten:

20./21.09.12 Hamburg - Reeperbahn Festival

25.10.12 Köln - Wohngemeinschaft

27.10.12 Berlin – Valentinstüberl

06.11.12 Frankfurt – Ponyhof

10.11.12 Mannheim - Alte Feuerwache (mit Niels Frevert)

12.11.12 A-Wien - Stadtsaal (mit Kid Kopphausen)

14.11.12 Augsburg - Ostwerk (mit Kid Kopphausen)

15.11.12 Erfurt - HSD Gewerkschaftshaus (mit Kid Kopphausen)

16.11.12 Potsdam - Lindenpark (mit Kid Kopphausen)

17.11.12 Berlin - HBC (mit Ewert & The Two Dragons)

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