Nichts für Herzschrittmacher-Träger: Verdammnis!

Nichts für Herzschrittmacher-Träger: Verdammnis!
© Knut Koivisto

Sind Sie auf der Suche nach nervenzerfetzender Spannung? Möchten Sie mal wieder so richtig Gänsehaut haben? Wollen Sie sich vor Angst im Kinosessel festkrallen und vor Grauen den Atem anhalten? Dann schauen Sie sich ‚Verdammnis‘ an, die Leinwandfassung des zweiten Teils von Stieg Larssons ‚Millennium-Trilogie’. Dieser Film hat wirklich alles, um zum absoluten Kult-Krimi zu werden: Sex, gnadenlose Spannung, eine absolut intelligente und verzwickte Handlung, brillante Schauspieler und jede Menge Action! Doch seien Sie gewarnt: Das grausame Verwirrspiel, das Regisseur Daniel Alfredson mit seinen Zuschauern treibt, ist nichts für Träger von Herzschrittmachern!

Wie beim Vorgänger ‚Verblendung‘ ist die Story eng an die gleichnamige Romanvorlage angelehnt. Als der junge Journalist Dag Svensson Kontakt mit der Redaktion des Enthüllungsmagazins ‚Millennium’ aufnimmt, ist Chefredakteur Mikael Blomkvist (ausdrucksstark und überzeugend: Michael Nyquist) sofort Feuer und Flamme für die brisante Story: Es geht um Zwangsprostitution und einen Kundenkreis, der bis in die Regierungskreise und die High Society Schwedens reicht.

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Doch die Arbeit an dem Fall nimmt eine dramatische Wendung, als Dag und seine Frau Mia sowie der Anwalt Nils Bjurman (erschreckend ekelhaft: Peter Andersson) ermordet werden. Eine erbarmungslose Hexenjagd beginnt, bei der eine Person im Visier der Fahnder steht: Lisbeth Salander (gespielt vom überragenden Ausnahmetalent Noomi Rapace). Obwohl ihre Fingerabdrücke auf der Tatwaffe gefunden werden, glaubt Mikael Blomkvist fest an die Unschuld seiner ehemaligen Ermittlungspartnerin und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln.

Bei seiner Recherche taucht er immer tiefer in Lisbeths dunkle Vergangenheit ein. Eine Vergangenheit, die Blomkvist und den Zuschauer das Fürchten lehrt. Eine Vergangenheit, die eindringlich zeigt, warum Lisbeth Salander zu der Frau wurde, die sie heute ist: Distanziert, hart zu sich selbst und anderen, effizient, berechnend und trotzdem so zerbrechlich und verwundbar, dass man sie einfach mögen muss. Es folgen rasante Verfolgungsjagden, spektakuläre Kampfszenen und Sequenzen, die einem im wahrsten Sinne des Wortes das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Die starke Bildsprache und die eindringliche Musik, derer sich Regisseur Daniel Alfredson bedient, bilden eine perfekte Symbiose mit der düsteren Geschichte aus der Feder des früh verstorbenen Autors Larsson . Alfredson versteht es, den Zuschauer zu quälen: Er zögert die Handlung bis ins Unerträgliche hinaus, er schockt mit unerwarteten Wendungen und treibt sein gnadenloses Verwirrspiel so weit, bis sich der Zuschauer förmlich nach Erlösung sehnt. Dabei hat er es nicht nötig, die volle Brutalität zu zeigen. Vielmehr lässt er den Zuschauer das Grauen erahnen: Er deutet an, kratzt an der Oberfläche des Unfassbaren, blendet Flashbacks ein. Aber er stellt die Gewalt nie in den Vordergrund der Handlung, wenngleich sie auch über die gesamte Distanz des Films ein ständiger, grausamer Begleiter der Protagonistin Lisbeth ist.

‚Verdammnis’ ist eine posthume Ehrung eines großartigen Autors, die seinen Romanen in jeder Weise gerecht wird, und mit der Stieg Larsson selbst sicherlich sehr zufrieden gewesen wäre. Zwar handelt es sich bei der Verfilmung nicht um eine 1:1-Kopie, doch das tut der Story keinen Abbruch. Im Gegenteil! Das Drehbuch von Jonas Frykberg konzentriert sich voll und ganz auf das Wesentliche und schafft es trotzdem, den Charakter der Vorlage unangetastet zu lassen. So wird die Brust-OP, der sich Lisbeth in der Romanvorlage unterzieht, gekonnt umgangen, und auch Lisbeths Aufenthalt im Ausland, der im Bestseller ausführlich beschrieben wird, wurde im Film eingedampft.

Seltenheitswert hat auch die Tatsache, dass der zweite Teil der Trilogie sogar noch besser ist als sein erfolgreicher Vorgänger. Allein das sollte den Leser dieser Zeilen schon dazu animieren, sofort das nächstgelegene Kino zu stürmen. Doch an dieser Stelle sei gewarnt: Dieser Film ist WIRKLICH nichts für schwache Nerven, denn die Psychospielchen, die der Regisseur so fabelhaft beherrscht, gehen ganz schön an die Substanz.

Von Christina Rings

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