Newtopia: Ein 'Krawallter' ist nicht genug

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Newtopia: 15 Pioniere sollen eine neue Gesellschaft erschaffen © Sat.1

15 Pioniere sollen eine neue Gesellschaft erschaffen

Irgendwo rund 40 Kilometer vor Berlin, auf einem von Stacheldrahtzaun abgegrenztem, verlassenem Stück Land beginnt es also: ‘Newtopia‘. Der Versuch von Sat.1, im TV (ja, richtig gelesen, im TV) eine neue Gesellschaft zu erschaffen. Über 365 Tage lang nehmen 15 ‚Pioniere‘ am “größten TV-Experiment aller Zeiten“ teil. So zumindest verspricht es uns die Produktionsfirma Talpa. Doch die erste Folge lässt das Potenzial der Show nur erahnen.

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Wie für ein Reality-Format üblich, startet auch ‘Newtopia‘ mit einem ordentlich Tritt auf die Tränendrüse. Denn bevor die Kandidaten in der freien Wildbahn ausgesetzt werden, heißt es erstmal Abschied nehmen von den Liebsten. Es wird umarmt, geknutscht und nochmal alles gesagt, was gesagt werden muss. Der geneigte Privatfernsehzuschauer kennt das.

Und dann geht’s endlich los. Zumindest denkt man das. Die tapferen Männer und Frauen versammeln sich in einer Scheune an einem virtuellen Tisch, der so schlecht digital aufbereitet ist, dass selbst Sci-Fi-Filme der späten Achtziger vor Neid erblassen. Eine Stimme aus dem Off spricht zu den Kandidaten: “In Newtopia gibt es keine Regeln, außer die, die ihr selbst aufstellt. Was für einen Ort werdet ihr erschaffen? Entscheidet ihr euch für Gleichberechtigung oder Hierarchie? Für Treue oder freie Liebe? Wird es vollkommenes Glück oder totales Chaos?“

Die letzte Frage ist auch ein charmanter Hinweis darauf, was den Zuschauer in den verbleibenden 364 Tagen wohl erwartet. Denn nachdem die acht Männer und sieben Frauen von der Stimme aus dem Off auf Stand gebracht wurden, dürfen sie ein letztes Mal nach Hause fahren. Mit einer Holzkiste bewaffnet, haben sie dort unglaubliche 15 (!) Minuten Zeit, um noch ein paar Dinge einzupacken, die nützlich sein könnten. Klopapier, Nägel, Tampons, Zigaretten, Rotwein, Decken, Nudeln, Schleifmaschinen, Hammer, Spiegel, Reis, Papier, Stifte, Kerzen, Dübel, Kondome, Pfannen. Alles muss mit. Doch natürlich hat auch Sat.1 seinen Teil zur Erstausstattung beigetragen. Neben knapp 100 Mikros und 60 Kameras stehen auch zwei Kühe und 25 Hühner auf dem “fruchtbaren Boden“. Immerhin.

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Newtopia: Das sind die 15 Mutigen

Während des hektischen Treibens der ersten Folge wird schnell klar, die Rollen unter den ‘Pionieren‘ sind bereits verteilt. Naja, sagen wir, wurden von Sat.1 verteilt. Da ist Candy (gesprochen Sssändy), ein arbeitsloser Politikwissenschaftler, der sich beim Gedanken an Polygamie in der neuen Welt schon die Hände reibt. Da ist Djellza, ein Model, das aus Blumen gerne eine Creme gegen strengen Körpergeruch herstellen würde. Da ist Tatjana, eine Schülerin, die schon am ersten Abend die Sektkorken knallen lässt. Da ist Steffen, der dem Zuschauer nur liebevoll als “Hartz-IV-Empfänger Steffen“ vorgestellt wird und der die Einladung von Tatjana auf ein Piccolöchen natürlich dankend annimmt. Und da ist Kerstin, eine Buchhalterin, die schon zu Beginn klarmacht, dass sie gerne den Boss in der ‘Neuen Welt‘ geben würde. Ein gesunder Querschnitt aus unserer Bevölkerung also.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Endemol 15 komplett unterschiedliche Menschen gecastet hat. Denn von nichts kommt nichts. Spätestens seit der letzten Rutsche Dschungelcamper ist klar, die Zuschauer wollen unterhalten werden. Reality ohne Beef? Nein, das wollen wir nicht! Frei nach dem Motto, ein ‘Krawallter‘ ist nicht genug“, wurden aus den knapp 8.000 Bewerbungen also die 15 verschiedensten Menschen rausgepickt.

Damit sich die Pioniere hier auch wirklich auf ihre Aufgabe konzentrieren können, übernimmt Sat.1 für die Zeit des Aufenthalts die Miete sowie sämtliche Versicherungen. Frei von allen Sorgen, lässt sich schließlich besser entertainen.

Inwieweit der x-te Big-Brother-Abklatsch hierzulande dann tatsächlich als Quoten-Hit taugt, ist noch nicht abzusehen. Die Koffer müssen erst vollständig ausgepackt werden. Und damit die Sendung nicht floppt wie in den USA, hat Sat.1 seine Reality-Hausaufgaben gründlich erledigt. Bei unseren Nachbarn aus den Niederlanden ist die Show ein voller Erfolg, die Bewohner haben ihren Aufenthalt nach einem Jahr sogar verlängert. Die nächsten 364 Tage werden zeigen, ob das größte “TV-Ereignis aller Zeiten“ auch bei uns einschlägt. Oder um es mit der Stimme aus dem Off zu sagen: “Wird es vollkommenes Glück oder totales Chaos?“

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