Neue Americana-Sounds zwischen Wut und Melancholie

Drive-By Truckers
Drive-By Truckers singen über das hässliche und auch verunsicherte Amerika. Foto: Danny Clinch © deutsche presse agentur
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Die DRIVE-BY TRUCKERS hatte man - schon wegen ihres uramerikanisch-rustikal klingenden Namens - bisher als solide, etwas biedere Countryrock-Truppe auf dem Zettel. Das ändert sich spätestens jetzt mit ihrer elften Studioplatte in 20 Jahren, dem stolz betitelten "American Band" (ATO/Pias).

Denn was das Südstaaten-Quintett hier abliefert, ist schlicht und einfach das beste Protest-Album seit langem - und die schärfste Attacke gegen den rechtsradikalen, rassistischen Sumpf, der sich nun schon seit Monaten im US-Wahlkampf auftut.

Mit den wütenden Neil-Young-Gitarren des Openers "Ramon Casiano" (über den Mord eines Weißen, der später den US-Waffenlobby-Verband gründete, an einem Mexikaner) beginnt ein Streifzug durch das hässliche, auch verunsicherte Amerika. Musikalisch angesiedelt zwischen Crazy Horse, Bruce Springsteen und Allman Brothers, mit enormer Spielfreude und berserkerhafter Energie, teilen Truckers-Frontmann Patterson Hood und Songschreiber-Kollege Mike Cooley kräftig aus. Donald Trump und seine Fans dürften wenig Freude haben an Songs wie "Darkened Flags On The Cusp of Dawn" (passend zu der auf Halbmast wehenden Flagge des Albumcovers), "Surrender Under Protest" oder "Kinky Hypocrite". Tolle Liner-Notes erzählen die ganze Geschichte.

Ein großer, wenn auch weniger politischer Geschichtenerzähler des Americana ist M.C. Taylor, der seit knapp zehn Jahren unter dem Projektnamen HISS GOLDEN MESSENGER unterwegs ist. "Heart Like A Levee" (Merge/Cargo) ist nun sein vielleicht persönlichstes, auf jeden Fall melodisch ausgereiftestes Album. Taylor entwarf die elf Songs "in einer Zeit des Übergangs und des Zweifelns". Ein bittersüßes Album sei in dieser intensiven Phase des Songschreibens herausgekommen, das Leben sei nun mal "zugleich glücklich und traurig", sagt der Mann aus North Carolina.

Und tatsächlich liegen Verletzlichkeit, Melancholie, Trotz und neue Energie bei Hiss Golden Messenger wieder nah beeinander - etwa im nachdenklichen Titelsong und dem anschließenden lockeren Swamp-Groove von "Like A Mirror Loves A Hammer". Was die Arrangements betrifft, dehnt Taylor seinen Folk-Begriff so weit wie noch nie. Es gibt die klassischen Akustik-Balladen, aber eben auch Ausflüge in Funk, Gospel und Country-Soul sowie üppig instrumentierte, fast schon pop-nahe Harmonien. So könnte "Heart Like A Levee" den großen Durchbruch dieses bescheidenen, seit Jahren immer besser werdenden Singer-Songwriters bringen - auch wenn seine nasale Stimme etwas Spezielles bleibt. Aber wie Neil Young oder Bob Dylan ist Taylor damit definitiv unterscheidbar.

Apropos unterscheidbar: Die kalifornische Band DAWES war kaum auseinanderzuhalten von den Westcoast-Rockern der 70er, etwa von den Eagles oder vor allem von ihrem Idol Jackson Browne. Was natürlich auch an der so ähnlichen Schmeichelstimme von Dawes-Frontmann Taylor Goldsmith lag. Diese ist dem Quartett aus Los Angeles geblieben, ansonsten hat sich beim Mainstream-Americana von Dawes mit "We're All Gonna Die" (HUB/ADA/Warner) einiges geändert: mehr Ecken und Kanten, weniger gemütliches Retro-Feeling (wobei die vier Vorgänger alle ihre Reize hatten).

Das fängt beim zynisch klingenden Albumtitel an, geht beim fiesen Hurrikan-Cover-Artwork weiter und endet mit den teilweise ungewohnten Songs. Das sperrige "One Of Us", der Reggae-Track "Picture Of A Man" oder das polternde "When The Tequila Runs Out" hätten im smoothen Country-Rock früherer Dawes-Platten wohl keinen Platz gefunden, jetzt aber traut sich die Band was - und hat damit meist Erfolg. Zumal ja auch weiterhin wunderbare (ja, diesmal sogar besonders schöne) Balladen im Angebot sind wie der Titelsong oder "Roll Tide". Goldsmith gibt gern zu, dass er alte Fans irritieren wollte - die Zuhörer sollten denken: "Was ist das denn? Wie haben die denn das gemacht?" Experiment gelungen, kann man dieser als strukturkonservativ geltenden Band da zurufen.

Zwischen lauter alten Kämpen des US-Folkrocks nehmen sich WAYNE GRAHAM (ein Bandname!) mit 21 und 26 Jahren wie Grünschnäbel aus. Das bereits vierte Album des Duos - und das erste in Europa - klingt dafür überraschend reif und dürfte ältere Son-Volt- und Wilco-Fans (etwa aus deren "Being There"-Phase) glücklich machen. Denn "Mexico" (K&F/Broken Silence) hat alle Ingredienzen eines ehrlichen und zugleich spannenden Indie-Americana-Sounds der späten 90er: Spröde Gitarren, sparsam-subtile Effekte, gute Songs - und eine coole Stimme, die, etwa in "Real Speed Limit", der des jungen Jeff Tweedy sehr nahe kommt.

Hayden und Kenny Miles aus dem Südosten von Kentucky entstammen einer musikbesessenen Familie, ihr Aufwachsen in einer ärmlichen Region der USA prägt auch die kurzen, eingängigen und zugleich nie allzu bequemen Songs. Thematisch dreht sich das Album um den Tod des besten Freundes der Miles-Brüder im Oktober vorigen Jahres - auch das ein Anzeichen für die Reife der Jungs. Wayne Graham haben mit "Mexico" eine starke Visitenkarte abgeliefert - jetzt dürfen sie sich gern noch etwas stärker von ihren Americana-Vorbildern lösen.


Quelle: DPA
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