Naomi Watts verführt Samuel L. Jackson: 'Mütter und Töchter'

3.5 von 5 Punkten

In ‚Mütter und Töchter’ überzeugt nicht nur Naomi Watts als eiskalte Anwältin, die dem wesentlich älteren Samuel L. Jackson schöne Augen macht und ihn ganz abgebrüht zu ungezwungenem Sex verführt. Auch Annette Bening beweist in dem melancholischen Episodendrama einmal mehr, dass sie als facettenreiche, sensible und stets adäquate Schauspielerin endlich einmal einen Academy Award verdient hat. Denn nachdem Natalie Portman für ihre Performance in ‚Black Swan‘ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ging Annette Bening (‚The Kids Are All Right‘), die zum dritten Mal nominiert war, zum dritten Mal leider leer aus.

Ganz nach dem Vorbild seines Regiekumpels und seines Produzenten Alejandro Gonzales Inrarritu (‚Babel’, ‚21 Gramm’) verwebt Regisseur und Drehbuchautor Rodrigo Garcias (‚Nine Lives’) auf feinfühlige Weise die Geschichte dreier Frauen auf der Suche nach ihrem eigenen Seelenfrieden. Die 51 jährige Physiotherapeutin Karen (Annette Bening) musste im Alter von 14 Jahren auf das Drängen ihrer Mutter ihr Kind zur Adoption freigeben. Obwohl sie ihrer Tochter jeden Tag Briefe schreibt, wird davon nie einer abgeschickt. Kontakt zu dem Mädchen hatte die verschlossene und verbitterte Singlefrau nie. Aufopferungsvoll widmet sich Karen der Pflege ihrer kranken Mutter. Allerdings hat selbst das Hausmädchen eine wesentlich wärmere Beziehung zu der alten Dame, denn die unfreiwillig kinderlose Karen wirkt wegen ihrer bitteren und zynischen Persönlichkeit sogar auf ihre eigene Mutter unnahbar.

'Mütter und Töchter' - Trailer
'Mütter und Töchter' - Trailer Kinostart: 28. April 2011 00:01:47
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In einem zweiten Handlungsstrang widmet sich Regisseur Garcias der adoptierten Elizabeth (Naomi Watts), einer kühlen, berechneten, erfolgreichen Anwältin, die in jeglichen Lebenslagen immer das bekommt, was sie will. Ihren Nachbarn verführt sie mit nackten Tatsachen und ihren Boss Paul (Samuel L. Jackson) mit ihrer Intelligenz. Das einzige, von dem sie abhängig ist, ist ihre Unabhängigkeit, bis sie überraschend schwanger wird. Die dritte Episode erzählt die Geschichte von Lucy (Kerry Washington, ‚Lakeview Terrace’). Die junge Konditorin kann selbst keine Kinder bekommen und will eines adoptieren. Allerdings stellt sich die Suche nach einem Kind als eine harte Probe für ihre eigene Ehe heraus…

Weil bis auf ein paar Einzelheiten schon relativ früh klar wird, wie die Frauen der jeweiligen Episoden in Zusammenhang stehen, fällt es Rodrigo Garcia (Regie und Drehbuch) manchmal etwas schwer, den Spannungsbogen und somit den Zuschauer über eine Laufzeit von 126 Minuten immer bei der Stange zu halten. Aber darum geht es dem Filmemacher in erster Linie auch gar nicht. Vielmehr will er das vertrackte und traurige Seelenleben der Frauen für den Zuschauer erfahrbar machen, was durch die Darsteller mit ihren lobenswerten schauspielerischen Leistungen wundervoll gelingt. Allen voran Annett Bening schafft es auf einfühlsame Art und Weise die Entwicklung ihrer komplexen Figur glaubhaft darzustellen und ihr in jeder Situation eine absolut treffende Nuance zu verleihen. Damit rührt sie selbst hart gesottene Kritiker zu Tränen.

Garcias Film könnte leider Gefahr laufen als einseitig und ‚unfeministisch’ abgestempelt zu werden, weil er die Mutterschaft so darstellt, als sei erst sie das, was eine Frau wirklich zu einer Frau macht und sie ohne Kind dazu verdammt ist, einsam und unglücklich zu werden. Auf das Wesentliche reduziert mag die Erzählung eine solche Interpretation vielleicht suggerieren, allerdings verleiht Garcia seinen Figuren und somit auch seiner Geschichte psychologische Tiefe hinter der viel mehr steckt als die Erfüllung durch ein Kind oder die Familie. Garcias Frauen müssen sich ihrer Schuld stellen, ihren Fehlern, ihren Ängsten. Sie müssen bis auf den Grund ihrer Seele ehrlich mit sich sein um ihr Leben ändern zu können.

Das Publikum ist also trotz mancher erzählerischer Schwächen immer nah dran an den vielschichtig gestalteten Charakteren und den Fehlern ihrer Vergangenheit, mit denen sie zu leben lernen müssen. Es sei denn, sie bringen – sofern es noch nicht zu spät ist – den Mut auf, sich diesen Fehlern zu stellen und mit sich ins Reine zu kommen. Das macht ‚Mütter und Töchter‘ sicherlich nicht nur für Frauen zu einem sehenswerten Drama, das einen mit einem Kloß im Hals zurück lässt.

Von Mihaela Gladovic

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