Nach Orlando: CSD wird wieder politischer

Christopher Street Day
Regenbogenfahnen im Wind. Foto: Jens Büttner © DPA

Die Christopher-Street-Day-Paraden sollen wieder mehr als eine kunterbunte Party werden - in diesem Jahr ganz besonders. Auch wegen des Anschlags in Orlando, bei dem 49 Menschen in einem Club für Schwule und Lesben starben, stehen die Gay-Pride-Veranstaltungen in diesem Jahr unter besonderen Vorzeichen.

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Der Christopher Street Day (CSD) war schon immer Party und Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben zugleich. 2016 könnte er so politisch werden wie lange nicht.

"Wir wollen mit dem diesjährigen CSD ein Zeichen setzen, um noch politischer zu werden", sagt Nils Schmidt vom Kölner Lesben- und Schwulentag. Die Domstadt am Rhein hat zusammen mit Berlin die wohl größte CSD-Parade. Am 3. Juli geht es los. Der Orlando-Anschlag und der Umgang damit haben die Diskussion um die Diskriminierung von lesbischen, schwulen, bi- oder transsexuellen Menschen (LGBT) neu angefacht. Zwar verstehen viele das Attentat als Angriff auf die Schwulenszene - was genau den Täter antrieb, ist aber bis heute nicht ganz klar.

Politiker und Medien hätten nicht ausreichend betont, dass sich der Hass des Attentäters vor allem gegen LGBT-Menschen gerichtet habe, kritisiert etwa Johannes Kram. Der Berliner Blogger hat es sich zum Ziel gesetzt, offene und verdeckte Homophobie zu entlarven. Sein "Nollendorfblog" wurde in diesem Jahr für den Grimme-Online-Award nominiert.

Für Klaus Jetz, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), liegt auch jenseits dieser Debatte aus seiner Sicht noch Einiges im Argen. In Deutschland gebe es gefährliche Tendenzen im Umgang mit Schwulen und Lesben. Er verweist auf die kürzlich veröffentlichte Studie "Die enthemmte Mitte" der Uni Leipzig. In der Untersuchung stimmten gut 40 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen".

Jetz sagt: "Wir erleben, dass da wieder etwas salonfähig wird, von dem wir dachten, dass es längst überwunden sei." Diskriminierung gebe es häufig bereits an Schulen und ziehe sich durch viele gesellschaftliche Bereiche. Nils Schmidt vom Kölner Lesben- und Schwulentag zählt dazu auch "die alltäglichen Zurücksetzungen - also dumme Sprüche zum Beispiel".

Einige andere Themen des CSD sind fast schon Dauerbrenner - etwa die rechtlichen Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Paaren. Gleichgeschlechtliche Paare können derzeit in Deutschland keine Ehe, sondern nur eine "eingetragene Lebenspartnerschaft" eingehen. Der Lesben- und Schwulenverband fordert daher: "Ehe für alle". Aus Sicht von Geschäftsführer Jetz muss sich auch die Bildungspolitik ändern: "Wir wollen, dass die Kinder gewappnet sind für die Vielfalt in der Gesellschaft." Ressentiments dürften erst gar nicht aufkommen. Der Blogger Kram ist ähnlicher Ansicht: "Es geht darum, dass man Homosexualität in der Bildung als etwas Gleichwertiges betont."


dpa
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