Murat Kurnaz im exklusiven Interview: “Obama hat nie vorgehabt, Guantánamo zu schließen“

Murat Kurnaz war fast fünf Jahre im US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba inhaftiert.
1.725 Tage verbrachte Murat Kurnaz in Gefangenschaft, über ein Jahr davon in völliger Isolation. © picture alliance / Wiktor Dabkow, Wiktor Dabkowski

"Amerikaner arbeiten mit den Taliban zusammen“

Zur falschen Zeit am falschen Ort - so wurde Murat Kurnaz‘ (31) Schicksal oft beschrieben. Fast fünf Jahre lang war der Deutsch-Türke unschuldig im berüchtigten US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba inhaftiert - ohne jemals vor einem Gericht gestanden zu haben. Dort musste er unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, wurde gefoltert und mit brutalsten Methoden verhört. Seine Geschichte kommt nun mit Stefan Schallers Film ‘5 Jahre Leben‘ ins Kino.

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Kurnaz‘ Martyrium begann mit einer Reise nach Pakistan, zu der er kurz nach den Anschlägen vom 11. September aufbrach. Der Deutsch-Türke wollte in einer Koranschule mehr über seinen Glauben, den Islam, erfahren. Auf der Rückreise wurde er im Dezember 2001 in Peschawar (Pakistan) von pakistanischen Sicherheitskräften festgenommen und an US-Streitkräfte verkauft. Zu dieser Zeit setzte die USA im ‘Kampf gegen den Terror‘ hohe Kopfgelder für Terror-Verdächtige aus. Die US-Soldaten brachten Kurnaz in ein Geheimgefängnis nach Kandahar (Afghanistan) und folterten den damals 19-Jährigen seinen eigenen Angaben zufolge. Zwei Monate später landete Kurnaz schließlich in Guantánamo.

Der Fall sorgte für großes Aufsehen: In der international angespannten Situation nach dem 11. September schoben deutsche und US-amerikanische Behörden Kurnaz‘ Schicksal zwischen sich hin und her. In den deutschen Schlagzeilen wurde er als “Bremer Taliban“ bekannt. Fast fünf Jahre vergingen, bis Murat Kurnaz am 24. August 2006 entlassen wurde. Heute lebt er in Bremen, hat wieder geheiratet und ist Vater von zwei Töchtern.

Michaela Sabine Berg hat Murat Kurnaz für RTL.de zum exklusiven Interview getroffen und mit ihm über seine Zeit in Guantánamo und die aktuelle Situation im Gefangenenlager gesprochen. Dabei erhebt der 31-Jährige neue Anschuldigungen gegen die USA und findet auch deutliche Worte für Präsident Obamas nicht gehaltenes Versprechen, Guantánamo zu schließen.

Guantánamo trotz aller Kritik immer noch nicht geschlossen

Obwohl US-Präsident Obama vor seiner Wahl 2008 versprochen hatte, das Gefangenenlager zu schließen, befinden sich aktuell immer noch rund 166 Häftlinge in Guantánamo. Viele von ihnen schon seit dem Jahr 2002, als das Lager von Ex-Präsident George W. Bush zur Inhaftierung von Terrorverdächtigen eingerichtet wurde. Mehr als die Hälfte der Insassen beteiligen sich zurzeit an einem Hungerstreik, der Anfang Februar begonnen hat. 29 Häftlinge werden über einen Schlauch zwangsernährt.

Auslöser für den Hungerstreik waren nach Gefangenen-Angaben Durchsuchungen der persönlichen Gegenstände durch das US-Gefängnispersonal. Dabei seien auch Koranausgaben auf von den Gefangenen als entwürdigend empfundene Weise überprüft worden. Diesen Vorwurf hat das US-Verteidigungsministerium dementiert. Insgesamt richtet sich der Protest aber gegen die unbegrenzte Inhaftierung ohne Anklage oder Prozess.

Nach wochenlangen Spannungen kam es am 13. April zu einem heftigen Zusammenstoß zwischen Insassen und Wärtern, als mehrere Gefangene aus einem Gemeinschaftsbereich in Camp 6 in Einzelzellen verlegt werden sollten. Die Häftlinge sollen sich unter anderem mit Besenstielen und Mops gegen die Verlegung gewehrt haben, woraufhin Wärter Gummigeschosse gegen die Häftlinge einsetzten. Auf beiden Seiten habe es “leichte Verletzungen“ gegeben, zitierte der Sender ‘CNN‘ einen US-Militärsprecher.

Aufsehen erregte auch der in der ‘New York Times‘ veröffentlichte Bericht ‘Gitmo is killing me‘ des seit 2002 inhaftierten Samir Naji al Hasan Moqbel. In dem Artikel beschreibt der 35-Jährige die Qualen der Zwangsernährung. Um den Hungerstreik in den Griff zu kriegen, hat die US-Navy nun zusätzliches medizinisches Personal nach Guantánamo geschickt. Rund 40 Navy-Mitglieder, darunter Krankenpfleger und Spezialisten, seien laut US-Militärsprecher Samuel House im Lager eingetroffen.

Der Hungerstreik der Insassen übt auch neuen Druck auf Präsident Obama aus, sein Versprechen endlich einzulösen - zumindest beteuerte er bei einer Pressekonferenz, sich weiter für die Schließung Guantánamos einsetzen zu wollen. "Guantánamo ist nicht notwendig, damit Amerika sicher bleibt", sagte Obama. Das Lager sei teuer, ineffizient und schade dem internationalen Ansehen der USA. "Es ist auch ein Mittel zur Rekrutierung von Extremisten. Es (das Lager) muss geschlossen werden", so der US-Präsident weiter.

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