Mit Sprühdosen Selbstbewusstsein tanken

Nürnberger Graffiti-Akademie «Stylescouts»
Graffiti-Lehrer Carlos Lorente (r) arbeitet mit Markus, einem Workshop-Teilnehmer, an einem Graffiti. Foto: Daniel Karmann © deutsche presse agentur
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Mit schwarzer Farbe sprüht Markus die Umrisse eines großen "A". Eine der Linien gerät krumm. "Du machst alles aus der Hand heraus", erklärt Graffiti-Lehrer Carlos Lorente das Problem. "Immer aus dem ganzen Körper", sagt der 37-Jährige.

Er macht es vor: Der Arm bleibt beim Sprühen gerade, die Bewegung kommt aus dem Oberkörper. Markus versucht es. Die Linie wird gerade Mit seiner Graffiti-Akademie "Stylescouts" - bestehend aus Lorente, drei weiteren Graffiti-Künstlern und einer Sozialpädagogin - hat sich der Lorente vor vier Jahren selbstständig gemacht. Er gibt Kurse für Jugendliche, Erwachsene und Firmen, Anfänger und Sprüh-Profis. Auch in der Jugendarbeit und als Kunstlehrer ist Lorente tätig. Er selbst malt seit 20 Jahren Graffiti.

"Stylescouts" könne man als die "erste und einzige Graffiti-Akademie in Deutschland" bezeichnen, sagt Lorente. Es gebe zwar mittlerweile unzählige gute Workshops zu dem Thema. Doch er wolle das Thema mit Pädagogik verbinden und seinen Kursen einen roten Faden geben.

"Wir haben zudem meist die komplette Farbpalette mit 120 bis 150 Dosen dabei. Weil wir damit eine recht große Materialschlacht abfeiern, sind wir auch nicht die Günstigsten", gibt er zu. Ein eintägiger Kurs für einen Erwachsenen kostet um die 130 Euro. Die Honorare für die Jugendworkshops, die "Stylescouts" meist im Auftrag von Schulen, Kommunen oder öffentlichen Trägern abhalten, orientierten sich an den üblichen Sätzen in der Jugendarbeit.

Viele Schulen wünschten sich inzwischen derartige Angebote, sagt Lorente. "Das Thema ist sehr beliebt, weil es ganz nah an der Lebenswelt der Jugendlichen ist." Graffiti-Sprayer seien einfach "cool", sagen Tanja (16) und Denise (14). Die Mädchen machen wie Markus bei einem zweitägigen Workshop für Jugendliche in Roßtal nahe Nürnberg mit. Die Gruppe verziert dabei eine 30 Quadratmeter große Gebäudewand auf einem Sportplatz mit einem Schriftzug.

Erst durch den Workshop sei ihnen klar geworden, dass das Sprühen nicht so leicht sei, wie es aussehe, sagt Tanja. Außerdem haben die Schüler gelernt, dass man nicht überall sprayen darf - etwa auf fremdem Eigentum. "Das ist illegal", erklärt Timo (12). "Dafür kann man bestraft werden."

Neben den rechtlichen Grundlagen vermitteln die Trainer grundlegende Techniken für Linien, Flächen und Farbverläufe. "Das ist manchmal knifflig, denn man hat - anders als etwa beim Zeichnen - ja keinen Kontakt mit dem Medium", erklärt Lorente. Außerdem bekommen die Schüler eine Einführung in die Hip-Hop-Kultur, zu der Graffiti gehört, und zur Materialkunde. Außerdem wichtig: Die Masken und Handschuhe, die beim Sprayen immer getragen werden müssen. "Ist schließlich nicht gesund, was in den Dosen drin ist."

Oft sind bei den Workshops junge Leute dabei, die als auffällig gelten oder einen schwierigen Hintergrund haben, wie Lorente schildert. Damit hat er Erfahrung: Sieben Jahre lang hat er bei einer Hilfsorganisation mit straffälligen Jugendlichen gearbeitet. "Dabei habe ich gemerkt, dass Graffiti ein tolles Werkzeug ist, um bestimmte Denkprozesse auszulösen", sagt der gelernte Mediengestalter. "Die Jugendlichen können dabei Selbstbewusstsein tanken und ihre Kreativität entdecken." Außerdem wachsen die Teilnehmer als Team zusammen.

Bei dieser Arbeit habe er auch einen Jugendlichen betreut, den sein Umfeld längst aufgegeben hatte. "Im Workshop hat er sich massiv geöffnet, und danach habe ich noch viele Projekte mit ihm gemacht. Er hat dann den Realschulabschluss und eine Ausbildung zum Koch gemacht", erzählt Lorente. Graffiti allein hätten ihm sicher nicht geholfen. Sie seien aber ein "wichtiges Ventil" gewesen.

Ähnlich sieht das Sozialpädagoge Philip Koppenhöfer von der Diakonie Schweinfurt. Er hat seine Bachelorarbeit zu Graffiti in der Jugendarbeit geschrieben. Das Sprühen könne Jugendlichen zudem eine politische Stimme geben, sagt er. In den Gruppen erhielten die Jugendlichen zudem oft Anerkennung, die sie woanders nicht bekommen. Die Erfahrung des manchmal mühsamen Sprühen-Lernens könnten sie zudem auf andere Lebensbereiche übertragen: "Wenn ich an etwas dran bleibe, kann ich auch etwas erreichen."

Als Mittel gegen illegales Sprühen taugen die Workshops aus Sicht der Sozialpädagogin Barbara Uduwerella nicht. Die 74-Jährige hat in Hamburg jahrzehntelang mit straffälligen Sprayern gearbeitet. Diese Jugendlichen müssten "ganzheitlich betreut" werden und lernen, dass ihr Tun Konsequenzen hat. Uduwerella fürchtet gar, dass man sich mit Kursen sogar noch mehr illegale Sprayer heranzieht: "Die haben dann das Sprühen gelernt, aber danach fehlen ihnen die Flächen."

Auch Lorente gibt zu, dass das Finden von Flächen für Anfänger meist das Schwierigste sei. Doch inzwischen stellten Städte immer öfter Möglichkeiten zum Sprühen zur Verfügung. Auch Koppenhöfer sagt: "Ich glaube nicht, dass dadurch jeder zum illegalen Sprüher wird."


Quelle: DPA
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