Mel Gibsons erzählt in 'Hacksaw Ridge' eine effektvolle und brutale Geschichte

"Hacksaw Ridge": Im Schützengraben gibt es keine Christen
Desmond Doss (Andrew Garfield) erlebt in Okinawa die Hölle auf Erden © Universum Film, SpotOn

Mel Gibson leistet Abbitte

Darf man im Wissen, dass Richard Wagner ein überzeugter Antisemit war, keine Gänsehaut mehr bei seinem Walkürenritt bekommen? Sollte ein Meisterwerk wie "Fitzcarraldo" boykottiert werden, weil Klaus Kinskis Tochter Pola offenbarte, dass ihr Vater nicht nur vor, sondern auch abseits der Kamera ein Scheusal war? Und wie muss in diesem Zuge auf Mel Gibsons neuen Film "Hacksaw Ridge" reagiert werden? Nun, es ist eindeutig: Der Kriegsfilm ist ein Läuterungsversuch des Hollywood-Stars, der mit seinen rassistischen und antisemitischen Äußerungen 2010 so unendlich tief gefallen war. Und als solcher ist der Streifen tatsächlich oscarwürdig. Viele US-Kritiker setzen "Hacksaw Ridge" deswegen aber mit einem grandiosen Film gleich - und das ist er mitnichten.

Willkommen in der Hölle

"Im Schützengraben gibt es keine Atheisten", lautet ein bekanntes Sprichwort. Doch in den Augen des blutjungen Desmond Doss kann es dort auch nicht allzu viele Christen geben. Wie sonst kann das stete Blutvergießen im Krieg mit dem Gebot Gottes vereinbar sein, dass man nicht töten soll? Gar nicht, befindet der tiefreligiöse Doss, als er sich im Frühling 1945 nichtdestotrotz freiwillig beim US-Militär meldet. Doch statt die erbittert kämpfenden Soldaten Japans zu töten, zieht er in den Krieg, um Menschenleben zu retten - und wird deshalb für verrückt erklärt.

Denn auch unter der Androhung, in einem Militärgefängnis zu verrotten, weigert sich Doss strickt, eine Waffe auch nur in die Hand zu nehmen, geschweige denn abzufeuern. Als die Militärobrigkeit feststellen muss, dass sie den jungen Mann nicht brechen kann, erfüllt sie ihm schließlich seinen sehnlichen Wunsch - und schickt ihn ohne Gewehr in den Kugelhagel von Okinawa.

Die Schrecken des Krieges?

"Es gibt keine Anti-Kriegsfilme", hat der berühmte Filmemacher Francois Truffaut einst gesagt. Schließlich sei jede Darstellung des Krieges in irgendeiner Form auch eine Glorifizierung des Gezeigten. Und hier lauert auch gleich das größte Problem von "Hacksaw Ridge": Mel Gibsons unbändiger Drang, Gewalt so effektheischend wie möglich zu inszenieren.

Japanische Soldaten verbrennen in Zeitlupe, ebenso verlangsamt fliegen US-Soldaten nach Granatexplosionen durch die Luft. Doch halt, sie fliegen nicht nur, sie wirbeln unnatürlich, in einer überzeichneten Choreografie des Grauens. Und als man denkt, es könne nicht voyeuristischer werden, schnappt sich ein US-Rambo den zerfetzten Torso eines Japaners, benutzt ihn als Schutzschild, stürmt Richtung Front und mäht dutzende Feinde nieder - ohne einen Kratzer abzubekommen. Vielleicht ist es scheinheilig, aber derartige Aktionen konnte und wollte man einem "Braveheart" schlichtweg eher verzeihen. Bei "Hacksaw Ridge" wirken sie befremdlich.

Um die technisch beeindruckend inszenierte, nicht enden wollende Schlacht an der Steilklippe Okinawas so furchteinflößend wie möglich zu gestalten, stellt Gibson die japanischen Soldaten zudem als eine Art Naturgewalt dar. Wie ein emotionsloser und ohne Rücksicht auf Verluste nach vorne preschender Heuschreckenschwarm greifen sie an, scheinbar unbesiegbar. Garniert wird diese Schwarz-Weiß-Darstellung zusätzlich mit feiger Hinterlist am Ende des Films...

Wie für Hollywood gemacht

Die wahre Geschichte über Desmond Doss wirkt derart für Hollywood gemacht, dass es regelrecht verwundert, sie erst jetzt auf der Leinwand zu sehen. Im Alleingang hat der vermeintliche Kriegsdienstverweigerer schließlich über 70 Kameraden in der Schlacht von Okinawa das Leben gerettet. Doch auch Gibson scheint die unglaubliche Story wie auf den Leib geschneidert zu sein: Immerhin gab ihm die Lebensgeschichte eines zutiefst religiösen Kriegshelden die Möglichkeit, Gewalt und Spiritualität auf ein Neues zu vermengen - "Die Passion Christi" lässt grüßen. Und so strotzt "Hacksaw Ridge" neben expliziter Gewalt nur so vor religiöser Bildsprache und Symboliken. Etwa, wenn sich Doss nach getaner Heldentat reinwäscht.

Folgerichtig wird Doss von Gibson als ein Heiliger dargestellt. Seine Liebesbeziehung zu Dorothy Schutte (Teresa Palmer) ist der Inbegriff der Unschuld, stellenweise am Rande des Kitsches gelegen. An den beiden Schauspielern liegt das aber nicht: Sowohl Garfield, als auch Palmer und fast der gesamte Rest des Ensembles machen ihren Job ausgesprochen gut. Einzig Vince Vaughn als dürftiges Abziehbild von Ausbilder Gunnery Sergeant Hartman (R. Lee Ermey) aus "Full Metal Jacket" fällt doch sehr deutlich ab.

Besonders hingegen ist Desmonds Vater Tom Doss (Hugo Weaving) hervorzuheben. Denn mit seiner Darstellung versucht Gibson ganz offensichtlich selbst, Abbitte zu leisten. Tom war einst ein aufrichtiger, liebenswürdiger Ehemann und Vater. Doch der Krieg und nicht zuletzt der Alkohol haben aus ihm ein gewalttätiges Ekel gemacht. Es ist unmöglich, in Toms Alkoholismus und seinem Versuch, sich mit seinem Jungen zu versöhnen, nicht dasselbe Laster und Vergebungs-Gesuch von Gibson zu erspähen. Und das will man ihm angesichts der Authentizität der Reue und dank der starken Leistung von Weaving gewähren.

Fazit:

"Hacksaw Ridge" präsentiert den Zuschauern eine effektvolle, mitunter kitschige, ungemein brutale und schier unglaubliche, weil wahre Geschichte. Eine, die es Wert ist, mitgeteilt zu werden. Aber war Mel Gibson dafür der richtige Mann? Ja, befanden bereits die US-Kritiker, wie die überragenden Bewertungen von sechs Oscar-Nominierungen für "Hacksaw Ridge" zeigen - dort steht man bekanntlich auf Kriegshelden, selbst wenn es so umstrittene sind wie "American Sniper" Chris Kyle. Ein filmisches Heldendenkmal für Desmond Doss hat Gibson jedenfalls eindrucksvoll errichtet - über dessen Architektur lässt sich aber streiten.

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