Meisterwerk tiefster Trauer: Stetson spielt Gorecki

Colin Stetson
Goreckis Meisterwerk "Symphony Of Sorrowful Songs" hat Colin Stetson tief ergriffen. Foto: Brantley Gutierrez © DPA

Der traut sich was: Saxofonist Colin Stetson, als Solokünstler und durch Kollaborationen mit Rockbands wie Arcade Fire oder TV On The Radio eigentlich gut ausgelastet, nimmt sich eines der wichtigsten zeitgenössischen Klassik-Werke vor.

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"Sorrow - A Reimagining Of Gorecki’s 3rd Symphony" (52 Hz/Indigo) ist ein aufwühlendes Klangerlebnis und ein großes Stück Avantgarde-Kunst. Denn Stetson belässt es nicht dabei, die Sinfonie einfach mit einem Orchester seiner Wahl neu einzuspielen. Das Konzept war "ganz simpel, weil ich der Originalkomposition zunächst einmal treu bleibe", sagt der 38-jährige Multiinstrumentalist aus Ann Arbor/Michigan, der inzwischen kanadischer Staatsbürger ist. "Ich habe keine Noten verändert, sondern vielmehr die Instrumentierung abgewandelt."

Dabei bringt er nun Blasinstrumente mit Synthesizern und E-Gitarren zusammen. "Aber auch die in der Ur-Version so wichtigen Streicher - Geigen und Celli - habe ich zum Teil beibehalten." Hinzu kommen die dramatischen Stimmen ausgebildeter Opernsängerinnen. Die Wirkung: Gänsehaut pur.

Das liegt natürlich auch am historischen Kontext der gewaltigen Komposition des Polen Henryk Mikołaj Gorecki (1933-2010). Seine 3. Sinfonie basiert auf drei Texten, darunter ein Gebet, das ein Teenager zu Kriegszeiten in einem Gestapo-Hauptquartier in die Wand geritzt hatte. Daraus machte Gorecki erschütternd intensive Klagelieder. In der Stetson-Fassung, die auch düstere Drone-Sounds einbezieht, wird diese Wirkung noch einmal verstärkt.

Goreckis "Symphony Of Sorrowful Songs" wurde Anfang der 90er Jahre eine der erfolgreichsten Klassik-Veröffentlichungen überhaupt, bei insgesamt gut einer Million Verkäufe kam das Stück in Großbritannien und den USA auf Platz eins der Klassikcharts. Auch Stetson konnte sich der Wirkung dieses Meisterwerks tiefster Trauer nicht entziehen.

"Jeder von uns kennt doch diese Momente, wenn ein Musikstück uns wirklich ergreift und etwas in uns verändert - und genau das hat diese Komposition mit mir gemacht", erzählt er. Im Laufe der Jahre habe er das Gorecki-Album "immer wieder gehört, unzählige Male, weil ich wirklich jedes noch so kleine Detail in mir aufsaugen und die Komposition durch und durch verstehen wollte. Und diese Hingabe, dieser unbedingte Wunsch, das Stück zu verstehen, führte schließlich dazu, dass ich den Drang verspürte, es auch selbst einmal zu spielen." Eine mutige Entscheidung - aber das Ergebnis gibt Stetson absolut Recht.


dpa
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