Mann baut Stofftier-Baum in Brooklyn

Stofftier-Baum
Der Stofftier-Baum und sein Besitzer sind in Brooklyn eine Berühmtheit für sich. Foto: Johannes Schmitt-Tegge © DPA

Man sieht das Ding schon aus ein paar Blocks Entfernung: braune Plüschbären, pinke Hasen, Hunde mit Schlappohren, Weihnachtsmänner, Frösche, Löwen, Schlangen, Enten.

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An die 1200 Stofftiere hat Eugene Fellner in den Kirschbaum vor seinem Haus am Rande Brooklyns in New York gehängt, geknotet und gebunden. Herausgekommen ist ein skurriles Kunstwerk, das Kinder begeistert und den Zorn aus Fellners Nachbarn herauskitzelt. Ihre Diskussion um den Baum auf der 70th Street ist eine Kiez-Posse, wie sie im Buche steht.

Mit dem Tiger fing alles an. "Das Teil sah aus wie ein echter Tiger, der bereit ist, auf dich zu springen", erinnert sich der 57-jährige Fellner an das erste Plüschtier, das er 2007 am Stamm befestigte. Nach und nach kamen weitere hinzu und irgendwann fingen Nachbarn und Vorbeifahrende an, selbst Kuscheltiere abzuladen. "Ich denke, jeder Baum auf der Welt sollte so etwas haben. Wenn du einen Baum besitzt - dekoriere ihn. Es macht Spaß, es ist schön und bunt", sagt Fellner.

Bergen Beach, das am südlichen Ende Brooklyns an die Jamaica Bay grenzt, bietet hübsche Einfamilienhäuser des gehobenen Mittelstands, getrimmten Rasen, kaum Verkehr. Die Menschenmassen der Millionenmetropole sind hier weit weg. Und auf einer der ruhigen Straßen steht dieser Baum, von dem Hunderte Tiere hängen wie überreifes Fallobst. Die schlaffen Figuren sind etwas angegraut von der Witterung.

"Wenn meine Enkelkinder kommen, rennen sie zum Baum", sagt Marlene Ricca, die ein paar Häuser weiter wohnt. "Es macht alle Kinder in der Nachbarschaft sehr glücklich", pflichtet ihr Aaron Moses bei. "Sie kommen vorbei und sie lieben es und lachen. Was soll man noch mehr dazu sagen?"

Das will man auch Fellners Nachbarn fragen, der das Ungetüm schon per Anwaltsschreiben bekämpfte, der erst eigene Bäume pflanzte und dann einen mehr als zwei Meter hohen Zaun baute, um Sichtschutz zu haben. Doch als der Mann mit schwarzer Sonnenbrille auf die Straße kommt, verzieht er auf die Frage hin keine Miene und steigt kommentarlos in seinen dunklen Wagen. Lange bleibt er in dem geparkten Auto sitzen, während Fellner sein Interview gibt, dann fährt er langsam davon. "Der Typ wünscht, der Baum würde auf meinen Kopf stürzen und mich töten", sagt Fellner. "Er hasst mich wie die Pest."

"Sie hassten sich schon vor dem Baum", erklärt Moses ein paar Häuser weiter. Ob ein alter Zwist die Sache mit den Stofftieren erst ins Rollen gebracht habe? Wollte Fellner alte Feinde ärgern? Moses weiß es nicht. Wichtiger scheint ihm: "Er wird bis 120 leben, gäbe es den Baum nicht, wäre er tot. Er hat sonst nichts zu tun."

In der Tat scheint der etwas verschroben wirkende Mann, der an einem strahlenden Frühlingstag im April Ohrenschützer, Kopftuch und eine zu warme Filzjacke trägt, im Kirschbaum eine Aufgabe gefunden zu haben. 38 Jahre lebt er schon im Haus mit der Nummer 1430, 41 Jahre bereits im Block. Zu den wenigen noch lebenden Angehörigen seiner kleinen Familie habe er kaum Kontakt. Verlassen hat der einstige Angestellte der städtischen Krankenhäuser die USA nie, den Staat New York kaum.

Auf der 70th Street kennt man Fellner schon als "Präsident des Blocks", sagt Moses. Er sei ein Nachbarschaftswächter und jemand, der die Straße sauber halte. Und: "Du kannst ihn alles über Sport fragen, er weiß es", sagt Alex Guidic, der in einer Einfahrt seinen Wagen poliert. "Wer gewann die World Series (im Baseball) im Jahr 1890?" Fellner: "Es gab 1890 noch keine World Series." Guidic: "Ok, in 1920?" Fellner: "Die Cleveland Indians gewannen gegen die Brooklyn Dodgers mit fünf Spielen zu zwei." Genau so war es.

Bald blühen die Kirschblüten am Stofftier-Baum. Der Baum sei sehr gesund, sagt Fellner. Im Sommer spende er Schatten - mehr noch als ohnehin schon dank der Kuscheltiere. "Du gehst ein paar Schritte zurück und guckst dir das Ding an, wenn alles blüht", sagt Fellner. "Es ist wunderschön, einfach atemberaubend."


dpa
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