Mal im Ernst: Das neue K.I.Z.-Album

Mal im Ernst: Das neue K.I.Z.-Album
Ist die Welt erst mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Das neue K.I.Z.-Album © Universal Music

Presse-Deutschland flippt aus: K.I.Z., diese "Porno-Rapper" (Spiegel), die ihre Gewaltfantasien seit dem "RapDeutschlandKettensägenMassaker" dermaßen überdreht unters Volk bringen, dass man sie auch in linken Akademiker-Kreisen gut finden kann, sind plötzlich politisch! Was ein Schwachsinn. Wer die Gesellschaftskritik bei K.I.Z. bisher immer überhört hat, sollte sich ernsthafte Gedanken um seine eigene Gesinnung machen. Oder um es mit K.I.Z. zu sagen: "Es liegt an eurem geistigen Fassungsvermögen / Wenn ihr bei K.I.Z. nicht lacht ihr Amöben".

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Es muss weh tun

"Auf einmal findet jeder hier Schwulsein ok / Aber Homosexualität war unsere Idee" heißt es zum Einstieg auf dem fünften Album "Hurra Die Welt Geht Unter". Und das ist ja tatsächlich ein Problem: Wenn man selbst als Um-die-Ecke-denkender Chef-Provokateur nicht mal mehr mit Themen wie Pro-Homo oder dem Wettbewerb um den kleinsten Penis provozieren kann. Im Falle von K.I.Z., denen seit über zehn Jahren auf der Sarkasmus-Ebene wirklich niemand den Jägermeister reichen kann, gibt es nur eine Lösung: Ernsthaftigkeit. Deshalb geht es diesmal schockierend unironisch um Themen wie "Frauen, Außenseitertum, Liebe, Hass und diesen ganzen Quatsch", so Rapper Tarek.


Nachdem im Eröffnungssong erst mal obligatorisch klar gestellt wurde, dass man "Kein Großkotz, sondern bloß Gott" ist, wird im nächsten Track schön anschaulich das "Zauberwort" Geld definiert: "Sagen 'Geld ist nicht alles' - das ist Geld!" - oder nicht mit auf die Klassenfahrt zu können, weil die Adidas-Schuhe vier Streifen haben. In "Boom Boom Boom", der Single mit dem musikalisch streitbaren Vengaboys-Refrain, wird mit Knalleffekten von Maschinengewehr bis Pistole auf den Punkt gebracht: "Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen mit dem großen Traum, im Park zu dealen?". Das ist schon ernst, aber weniger schockierend als "Freier Fall". In diesem Song verarbeitet Tarek nahezu romantisch eine Trennung, was im knallharten K.I.Z.-Kosmos einer Revolution gleichkommt. Alptraum-Kopfkino gibt es auch, zum Beispiel in "Ariane", in dem ein Bürosklave nach Dienstschluss zum Ausgleich seine krassen Gewaltfantasien auslebt.


Das alles ist jetzt nicht mehr lustig, aber originell. Am stärksten sind K.I.Z. immer, wenn sie ihre Texte mit akustischen Mitteln noch intensivieren. Wie im Stalker-Drama, "Verrückt Nach Dir", bei dem es dem Hörer eiskalt den Rücken herunterläuft, wenn Nico rappt: "Weißt du noch als du gefragt hast, ob ich dich für immer liebe?" Und dann in bester Psychomanier flüsternd nachschiebt: "Da hab ich 'ja' gesagt!" Besessenheit gegen Sexismus.


Stärkster Track auf diesem Album ist aber ausgerechnet die Kollaboration mit Oberatze Manny Marc. In "Was würde Manny Marc tun?" konfrontieren uns die Strophen mit durchaus realen Horrorszenarien aus fast normalen Wohnzimmern: Der pädophile Vater, der das Kleinkind noch einmal waschen möchte. Die überforderte Mutter, die sich wünscht, das behinderte Kind abgetrieben zu haben. Der Sohn, der von der Pflege des dementen Vaters überfordert ist. Der Flüchtling, der sich fragt, ob ihn Macheten oder Gesetze eher umbringen. Und dann, der Refrain, ein Faustschlag: Kirmes-Techno, Ballermann-Style, "Null Problemo / Alles vergessen / Rummel Rummel / Bumms Bumms / Disko Disko", unerträglich. Das zielt gefühlsmäßig so direkt in die Magengrube, dass man sich am liebsten übergeben würde. Oder vor der Genialität dieser Idee auf die Knie fallen und, je nachdem wie viel K.I.Z. man so konsumiert, sie oral beglücken möchte.



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