'Liberace' Filmkritik - Kinostart: 3.10.2013

Nie war er im Bett so gut wie mit Matt Damon

Von Mireilla Zirpins

5 von 5 Punkten

Was für eine grandiose und vor allem mutige Performance von Michael Douglas! Kurz nachdem er die Presse mit seiner Offenbarung verblüffte, sein Kehlkopfkrebs rühre von zu viel Oralsex her, zeigt er sich im neuen Film von Steven Soderbergh als alternder, sexbessener Entertainer, der an AIDS erkrankt. Ein Auftritt, der nach einem Oscar schreit - wäre da nicht der kleine Wehrmutstropfen, dass sein Titelheld Liberace schwul ist, und das wird manchem puritanischen US-Amerikaner zu offenherzig gezeigt in diesem schillernden Biopic.

— ANZEIGE —

Wissen Sie überhaupt, wer Liberace war? In den 1960er und 1970er Jahren war er vor allem in den Vereinigten Staaten bekannt wie ein bunter Hund – und bunt waren auch seine Kostüme. Gegen Liberaces mit Klunkern und Pelzen bestückte Roben trägt Elton John dezente Bühnengarderobe. Berühmt wurde der Sohn polnischer und italienischer Einwanderer als zunächst als Schnulzen-Pianist, später dann als schriller Show-Gastgeber in Las Vegas. Und da beginnt auch der Film. Bei einer der schillernden Liberace-Shows im Jahre 1977 wird der junge Bisexuelle Scott (Matt Damon mit Babyspeck und blonder Fönfrisur - ein Riesenspaß, sicher auch für ihn) dem alternden Entertainer (Michael Douglas) vorgestellt. Die beiden landen schnell in der Kiste, und damit der Toy Boy in seine verkitschte Villa einzieht, macht Liberace den mittellosen Hundetrainer zu seinem Assistenten.

Liberace mit Michael Douglas und Matt Damon als schwules Pärchen Michael Douglas und Matt Damon

Zu schwul für die Oscars?

Im Grunde hätte Scott ahnen können, welches Schicksal ihn gegen Ende des Films ereilen wird, als er Zeuge wird, wie Liberace seinen alten Assistenten für ihn abschießt. Doch er ist wie geblendet vom Goldglanz des Neo-Rokoko-Anwesens, in dem die Diener bevorzugt Hotpants tragen – und vor allem vom Charme des glamourösen Entertainers. Dem kann sich auch der Zuschauer nicht entziehen, und das liegt daran, dass Michael Douglas in der besten Performance seiner Karriere spielt, als gäbe es kein Morgen mehr. Ohne je wie eine Karikatur zu wirken, porträtiert Douglas die tuckig-exaltierte Art des Showmasters, der immer mindestens mit Pelz und Pailletten auftrat. Er spielt den alten Mann als sexbesessenen Lüstling, der an keinem prall gefüllten Höschen vorbeisehen kann und gern ins Pornokino geht, verleiht ihm aber auch eine kindlich-naive Seite, sodass er bisweilen so harmlos wirkt wie einst ‚Dalli Dalli‘-Moderator Hans Rosenthal. Und deshalb versteht man auch, warum die Liberaces Entourage diesem männerfressenden Monster beinahe alles verzeiht.

Doch nicht nur Michael Douglas ist in den zahlreichen Liebesszenen überzeugender, als er es mit Sharon Stone oder Glenn Close je war. Auch Matt Damon liefert ab als dumpfbackiger Jüngling, dessen Faszination später in Hass umschlägt. Einen glanzvollen Kurzauftritt hat Rob Lowe als Schönheitschirurg, der sich selbst so hat zurichten lassen, dass er sein Gesicht kaum noch verziehen kann. Anders als der erste Eindruck vermuten lässt, geht es Soderbergh nämlich nicht darum, den Ausstattungswahn auf die Spitze zu treiben. Wenn man sich an die fast schon erdrückend kitschigen Dekors gewöhnt hat, merkt man, dass sich der Regisseur auf die Beziehungen der Figuren zueinander konzentriert und man sich eben Mühe geben muss, hinter glitzernden Kostümen und goldenen Kerzenständern – daher auch der Original-Titel ‚Behind The Candelabra‘ – den Menschen zu sehen.

Soderberghs großes Verdienst ist es jedoch, die homosexuelle Liebe und Sexualität unaufgeregt und unverklemmt zu zeigen – anders als viele andere US-Filmemacher. Man denke da nur Jonathan Demmes peinlichen ‚Philadelphia‘, bei dem man sich als Zuschauer fragen musste, wie die niemals auch nur wild knutschenden Jungs AIDS bekommen konnten. Trotzdem war vielen Hollywoodstudios das Thema zu heikel. Zum Glück sprang der TV-Gigant HBO als Produzent ein. Bei den Oscars werden Soderbergh, Douglas & Co voraussichtlich nicht zum Zuge kommen, weil sich in den USA kein Verleih getraut hat, den Film im Kino zu zeigen. Wenigstens in Europa bekommt das Drama die Auswertung auf der großen Leinwand, die es auch verdient. Und Douglas, Soderbergh & Co haben immerhin bei den Emmys elf der begehrten Fernsehpreise abgeräumt. Zu Recht.

Bildquelle: dpa bildfunk
— ANZEIGE —