Lemmy Kilmister wird 70: Zeit für die Rocker-Rente?

Lemmy Kilmister wird 70: Zeit für die Rocker-Rente?
Lemmy Kilmister auf dem Glastonbury Festival 2015 © DFP Photographic / Shutterstock.com

Rocker und Metalheads feiern Heiligabend nicht nur das Christkind: Am 24. Dezember 1945 erblickte in Stoke-on-Trent mit Ian Fraser "Lemmy" Kilmister (70, "Bomber") auch eine Art Messias der harten Szene das Licht der Welt. Dabei deutete zunächst alles auf eine gutbürgerliche Kinderstube hin: Die Mutter war Bibliothekarin, sein Vater hatte im Krieg als Feldkaplan gedient. Doch als der kleine Lemmy drei Jahre alt war, ließ der Geistliche seine kleine Familie sitzen. Die Mutter heiratete später einen Ex-Fußballer, der Lemmy zwei ungeliebte Halbgeschwister bescherte.

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Mehr als 50 Jahre on the Road

Rock'n'Roll statt Familie

Die Familie wechselte mehrmals den Wohnort und landete schließlich in Wales, wo Lemmy sich an der Schule als einziger Engländer ausgegrenzt fühlte. Mit 15 verließ er die Schule um in Fabriken zu jobben, mit 16 sah er die Beatles und begann, Gitarre zu lernen. Mit 17 schwängerte Lemmy ein Mädchen und brannte mit ihm nach Stockport bei Manchester durch. Sein Sohn wurde nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Ein Familienmensch war Lemmy auch später nie, für ihn standen immer die Musik und der Rock'n'Roll-Lifestyle im Vordergrund.


In den 1960ern spielte er unter anderem in der Beat-Band The Rockin' Vickers und den Psychedelic-Rockern Sam Gopal und arbeitete als Roadie für Jimi Hendrix (1942-1970, "xxx"). Mit dem Einstieg bei den Space-Rockern Hawkwind brach 1972 eine neue Ära an: Lemmy wechselte von der Gitarre an den Bass. Bei einigen Songs übernahm er auch den Gesang, darunter dem britischen Top-3-Hit "Silver Machine". Die Zeit bei Hawkwind fand 1975 ein jähes Ende: Lemmy flog aus der Band, nachdem er auf Tour an der Grenze zwischen den USA und Kanada wegen Drogenbesitzes festgenommen wurde.


Mit Motörhead in den Rock-Olymp

Zurück in England gründete Lemmy seine eigene Band, die zunächst Bastards hieß. Da sein Manager ein Veto gegen den wenig Chart-tauglichen Namen einlegte, benannte er die Kapelle nach letzten Song um, den er für Hawkwind geschrieben hatte: Motörhead. Mit Gitarrist "Fast" Eddie Clarke (65) und Drummer Phil "Philty Animal" Taylor (1954-2015) war schnell die Besetzung gefunden, mit der Motörhead sich ihren Platz im Rock-Olymp sicherten.


In den vierzig Jahren, die seitdem vergangen sind, hat der Mann mit der Reibeisen-Stimme sein Schiff eisern auf Kurs gehalten: Motörhead touren unermüdlich und veröffentlichen zuverlässig im Schnitt alle zwei Jahre ein Album, der rohe Sound zwischen Metal, Punk und Hardrock wird dabei nur in Nuancen variiert. Gerade diese Beständigkeit machte Lemmy in der Szene zur Institution. Der Mann mit dem markanten Schnauzer und den Warzen (die eigentlich keine Warzen sind, sondern Fibrome) ist eine Kultfigur, Generationen von Fans lauschen andächtig seinen Anekdoten über Sex, Drogen und Rock'n'Roll.


Der Unverwüstliche

Vor allem galt Lemmy als nahezu unverwüstlich: Obwohl er jahrzehntelang scheinbar nur von Whiskey-Cola, Zigaretten und einigen weniger legalen Substanzen lebte, man konnte sich darauf verlassen, dass er zur rechten Zeit auf der Bühne stand und nach der immer gleichen Ansage "We are Motörhead and we play Rock'n'Roll" jeden Saal zum Kochen brachte. Das änderte sich jedoch in den vergangenen Jahren.


Im Sommer 2013 musste Lemmy wegen eines Hämatoms einige Konzerte absagen. In Wacken stand er wieder auf der Bühne, musste die Show jedoch vorzeitig abbrechen - die "Temperaturen und Umstände" seien zu viel gewesen, hieß es danach. Ausgerechnet auf der größten Metal-Bühne der Welt zeigte sich, dass eben auch an Rock-Ikonen der Zahn der Zeit nagt. Weitere Details über Lemmys angeschlagene Gesundheit wurden bekannt, etwa seinen Kampf gegen die Diabetes oder die Tatsache, dass er sich einen Defibrillator einsetzen ließ, um Herzattacken vorzubeugen.


Die Hiobsbotschaften häuften sich: Die für Herbst 2013 geplante Europa-Tournee wurde zwei Mal verschoben, auch der Auftritt auf dem brasilianischen Monsters Of Rock im Frühjahr 2014 fiel ins Wasser. Rechtzeitig zum 40-jährigen Bandjubiläum wagten sich Motörhead im September 2015 in den USA wieder auf Tournee - und wieder musste der sichtlich geschwächte Lemmy einige Shows nach wenigen Songs beenden.


Am Ende seiner Kräfte?

Letztendlich raffte der Frontmann sich auf und brachte die US-Tour wie auch die anschließenden Europa-Termine tapfer zu Ende. Auch wenn Motörhead keine echten Blößen zeigten und jede der ausverkauften Hallen standesgemäß rockten: Ein schöner Anblick waren die Konzerte nicht wirklich. Der im vergleich zu früher deutlich abgemagerte Lemmy quälte sich auf der Bühne sichtlich, die sonst so kraftvolle Stimme wirkte fast schon brüchig, bei den Ansagen musste öfters Gitarrist Phil Campbell aushelfen.


Jahrelang wurde in der Szene gescherzt, dass Lemmy weitermacht, bis er irgendwann einfach tot von der Bühne fällt. Inzwischen hört man diese Witze kaum noch, zumal die Motörhead-Fangemeinde mit dem Tod von Phil Taylor 2015 bereits um den Schlagzeuger der klassischen Bandbesetzung trauern musste. Heute wünscht man Lemmy doch eher, dass er sich mit 70 dazu entschließt, endlich den Rocker-Ruhestand anzutreten. Nach mehr als 50 Jahren auf der Bühne hätte er ihn sich redlich verdient.



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