"Legend": Tom Hardy stiehlt sich selbst die Show

"Legend": Tom Hardy stiehlt sich selbst die Show
Die Gangster-Brüder Ron (l.) und Reggie Kray (beide Tom Hardy) streben in London nach der ultimativen Macht © Studiocanal

Tom Hardy ist schon lange dem Prädikat "vielversprechender Schauspieler" entwachsen. Sein Talent und seine Wandelbarkeit stellte er spätestens 2009 mit "Bronson" eindrucksvoll unter Beweis, als er quasi über Nacht vom ranken, schlanken Schönling zum glatzköpfigen Muskelberg mutierte. Was könnte also sehenswerter sein, als ein Film wie "Legend", in dem Hardy mit seiner Darstellung der Gangster-Zwillinge Reggie und Ron Kray gleich doppelt brillieren darf? Nun, genau da kommt Hardy Nummer drei ins Spiel...

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Film über die Kray-Brüder

 

Doppelspitze des Verbrechens

 

Die beiden Gangster-Brüder Reggie und Ron Kray (beide Hardy) regieren Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre die Unterwelt des Londoner Ostens. Mit ihrer Verbrecher-Organisation "The Firm" begehen sie Raubüberfälle, Brandstiftungen und Schutzgelderpressungen, just wie ihr US-amerikanisches Vorbild, die Mafia. Den Bewohnern Londons und selbst der hiesigen Polizei sind ihre illegalen Machenschaften weitestgehend bekannt, nur etwas dagegen tun kann offenbar niemand. Denn wie es bei einer mächtigen Verbrecher-Gruppe wie "The Firm" gerne der Fall ist, wachsen aussagewillige Zeugen nicht auf Bäumen - oder baumeln kurz vor Gerichtsprozess von selbigen.

Schnell ist der Moment erreicht, an dem die machthungrigen Brüder nach mehr streben. Als sich die Gelegenheit bietet, versuchen sie, den Einfluss ihres Imperiums bis ins prestigeträchtige West-End auszuweiten. Doch bei ihrem ambitionierten Plan entpuppen sich die Zwillinge selbst als ihre größten Hindernisse: Ron leidet unter paranoider Schizophrenie und seine plötzlichen Gewaltexzesse drohen immer wieder, der Polizei die nötigen Gründe zu liefern, ihn einzubuchten. Und Reggie? Der verliebt sich unsterblich in die blutjunge Frances Shea (Emily Browning) und muss zu seinem Entsetzen feststellen, dass er offenbar doch ein Gewissen zu haben scheint...

 

Das doppelte Tomchen

 

Schon bei "The Social Network" wurde deutlich, wie überzeugend ein Schauspieler in die Rolle als Brüder-Paar schlüpfen kann. Doch hatte es Armie Hammer als Winklevoss-Zwillinge damals wesentlicher einfacher, als es bei Hardy mit den Krays nun der Fall ist. Hardy muss zwei Persönlichkeiten verkörpern, die trotz der optischen Ähnlichkeiten unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite Reggie, der charismatische Ganove, der den Zuschauer - wie seine spätere Ehefrau Frances - ein ums andere Mal um den Finger wickelt. Und auf der anderen Seite Ron, der schizophrene und homosexuelle Psychopath, dessen Unzurechnungsfähigkeit nur von seiner Gewaltbereitschaft übertroffen wird.

Beide Männer spielt Hardy gewohnt überzeugend. Doch gerade die Darstellung als sein eigener Antagonist in Form von Ron verdient besonderes Lob. Wenn der geisteskranke Gangster zum ersten Mal zu sehen ist und mit seinem bohrenden Blick direkt in die Kamera gafft, weiß jeder Zuschauer sofort: Dieser Irre alleine wird für mehr brachiales Gangster-Feeling à la "Goodfellas" sorgen, als es Johnny Depp bei "Black Mass" in zwei Stunden schaffte.

 

Schärfer als die Realität

 

Selbstredend wurde die wahre Geschichte der Kray-Brüder für Hollywood etwas angepasst. Als Reggie sieht Tom Hardy aus wie Tom Hardy, und ist damit wesentlich adretter, als sein Gangster-Vorbild. Auch die Liebesgeschichte zwischen ihm und Frances war in Wirklichkeit wesentlich unromantischer und einseitiger - heutzutage würde man wohl sagen, dass er die damals noch Minderjährige stalkte. Bei Ron hat sich Regisseur Brian Helgeland dagegen große Mühe gemacht, den Schauspieler an das reale Pendant anzugleichen. Dicke Hornbrille, dazu einige Pfunde zu viel auf den Rippen und mit einem wenig anmutenden Unterbiss gesegnet, wirkt er wie eine Mischung aus dem echten Ron Kray und Don Corleone.

Wie das Aussehen verteilt "Legend" zudem die positiven und negativen Eigenschaften wesentlich deutlicher auf Reggie beziehungsweise Ron, als es wohl der Wahrheit entsprach. Wie das Yin und Yang der Verbrecherwelt muten die beiden an: Ron, das fast pure Böse, in dem hin und wieder ein Funken Menschlichkeit aufblitzt. Und Reggie, der Romantiker, dessen Charme aber nicht verbergen kann, dass in ihm das Potenzial für ein Monstrum schlummert. Und das bekommen seine Frau und die Zuschauer schließlich auch zu sehen.

 

Zwei gegen einen

 

Die spannende Dynamik zwischen dem Zwillingspaar kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Legend" mit einigen Längen zu kämpfen hat. Die Liebesgeschichte zwischen Reggie und Frances ist glaubhaft inszeniert und Browning stellt auch gekonnt die Naivität der jungen Frau dar, die sich plötzlich inmitten von Gewalt und Korruption wiederfindet. Doch nimmt dieser Part insgesamt zu viel der erzählten Geschichte ein. Und so ergibt sich für Schauspieler Hardy im Januar eine einzigartige Konstellation: er stiehlt sich gleich zweimal die Show. Als verrückten Ron sieht man ihn in "Legend" zur Mitte des Films lieber beim Wüten zu, als den liebestollen Reggie. Und beide Darbietungen werden letztendlich mit seiner Rolle in "The Revenant" als Widersacher von Leonardo DiCaprio erneut von ihm selbst in den Schatten gestellt.

 

Fazit:

 

"Legend" schafft es, den Flair der ganz großen Gangster-Epen wie "Der Pate" oder "Goodfellas" anzudeuten, ohne ihn aber je zu erreichen. Dafür nimmt die Liebesgeschichte zwischen Reggie und Frances zu viel Raum ein. Der aber nichtsdestotrotz ungemein brutale Streifen über die faszinierenden Kray-Zwillinge ist für alle Fans des Genres definitiv einen Blick wert.

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