Kritik 'Fliegende Liebende' von Pedro Almodóvar - Start 4.7.13

Fliegende Liebende
Hier legt mal eine Frau Hand an © dpa, Tobis Film

1,5 von 5 Punkten

Ein planlos am Himmel kreisendes Flugzeug, eine Schar schwuler Flugbegleiter, die gern mal ein Tänzchen einlegen und die ‚Holzklasse‘ mit Drogen komplett außer Gefecht gesetzt haben – das klingt nach einem prima Stoff für eine schräge Komödie. Zu offensichtlich jedoch versucht Pedro Almodóvar, seinen Ruf als ‚Enfant terrible‘ des spanischen Films zurückzuerlangen, indem er wieder auf den durchgeknallten Humor aus den Zeiten von ‚Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs‘ setzt. Dabei übertreibt er es jedoch mit der Provokation und bekommt auch seine Story nicht in den Griff – ein echter künstlerischer Rückschritt.

- Anzeige -

Wer den Trailer von 'Fliegende Liebende' mochte, ist hier vermutlich goldrichtig. Wer fand, dass es dem Werbefilmchen schon an Geschwindigkeit mangelte, sei gewarnt: Die besten Szenen sind schon drin, nur flotter zusammengeschnitten. Denn das größte Problem von ‚Fliegende Liebende‘ ist: Hier stimmen Tempo und Timing nicht. Und die Geschichte reicht leider auch nicht, um 91 Minuten zu füllen, die sich dadurch leider unnötig lang anfühlen. Man hat das Gefühl, dass hier krampfhaft ein paar Anekdoten oder Sketche, die dem vielbeschäftigten Almodóvar vielleicht auf seinen zahlreichen Flugreisen eingefallen sind, zu einer Handlung aufgeblasen wurden, die aber an zu vielen Figuren und zu wenigen guten Gags krankt.

Bad-Taste-Party über den Wolken oft leider geschmacklos

Fliegende Liebende
Typische Saftschubsen-Anzüglichkeit © ©Paola Ardizzoni/Emilio Pereda

Da kreist also besagte Maschine aufgrund eines technischen Defekts ziellos über Spanien herum, und die Crew dreht durch, weil sie ihr letztes Stündlein gekommen wähnt. Die drei tuckigen Stewards (Javier Cámara, Carlos Areces und Raúl Arévalo) gießen den Passagieren der ersten Klasse Meskalin in die Drinks, während die Passagiere aus der Economy medikamentös in Tiefschlaf versetzt werden und fortan nicht mal mehr Nebenrollen spielen. Und was machen die betrunkenen wohlhabenden Gäste (darunter mit Lola Dueñas oder Cecilia Roth alte Bekannte aus dem Almodóvar-Kosmos) und ihre noch betrunkeneren Flugbegleiter und Kapitäne? Sie reden die ganze Zeit über Sex und haben sogar welchen. Das könnte ja noch ganz interessant sein, wäre es nicht so gewollt frivol und bisweilen zum Fremdschämen ordinär, sodass man auch als wenig verklemmter Zuschauer nach einer Stunde einfach nichts mehr von Blow Jobs hören möchte, geschweige denn Protagonisten sehen, denen das Sperma aus dem Mundwinkel rinnt.

Hier hat es Almodóvar einfach übertrieben und nimmt damit seiner Komödie die Leichtigkeit, die sie zumindest in Ansätzen zeigt. Ein paar schöne Einstellungen, ein cooles Styling und ein paar nette Ideen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ‚Fliegende Liebende‘ unfertig und hingehuscht wirkt. Dass Almodóvar seinen außer Kontrolle geratenen Flieger nun als Allegorie auf das Spanien der Finanzkrise und die Skandale seiner Regierenden interpretiert wissen will, wirkt ein bisschen wie eine nachträgliche Rettungsaktion. ‚Fliegende Liebende‘ ist sicher kein Glanzstück in seiner Filmografie. Schade, dass ausgerechnet dieser Film in Spanien mit sensationellen Besucherzahlen belohnt wurde. Sex sells – oder weckt zumindest die Neugier des Zuschauers, auch wenn er von der Umsetzung vielleicht enttäuscht ist. Uns jedenfalls waren die traumschönen Dramen wie ‚Mala educación‘ oder ‚Volver‘ aus Almodóvars letzter Schaffensphase doch deutlich lieber.

Von Mireilla Zirpins

— ANZEIGE —