Konkurrenz für Twilight? - Karoline Herfurth als Vampirlady in ‚Wir sind die Nacht‘

Konkurrenz für Twilight? - Karoline Herfurth als Vampirlady in ‚Wir sind die Nacht‘

Es war ja klar, dass irgendwann auch eine deutsche Produktion auf den Twilight-Erfolgszug aufspringen musste, um von dem Megaerfolg der Vampir-Welle zu kosten. Dabei hatte Dennis Gansel (‚Mädchen Mädchen’, ‚Die Welle‘) schon als Filmstudent die Idee zu der etwas erwachseneren Geschichte über ein sexy Vampirquartett, das die Berliner Nachtszene unsicher macht und dabei trotzdem vor menschlichen Gefühlen wie Liebe nicht gefeit ist. Dass von der bloßen Idee bis zur Fertigstellung des Films etliche Jahre ins Land gezogen sind, hilft dem Streifen leider kein bisschen weiter, weil dennoch alles halbgar präsentiert wird. Dabei kann Gansel mit Nina Hoss und Karoline Herfurth eine Top-Besetzung vorweisen. Das Blut des Kinozuschauers wird weder mit der Liebesgeschichte so richtig in Wallung gebracht, noch gefriert es ihm bei den Actionszenen in den Adern.

Karoline Herfurth spielt die 20-jährige Lena, ein seelisches Wrack, das sich als Taschendiebin über Wasser hält. Als Lena in ihrer dunklen Berliner Plattenbauwohnung nicht mehr mit anhören kann, wie ihre Mutter mit ihrem Bewährungshelfer flirtet, türmt sie und landet auf einer illegalen Party, deren Organisatorin die Jahrhunderte alte Vampirlady Louise (Nina Hoss) ist. Sofort von Lena fasziniert, heftet sich Louise an die Fersen des jungen Mädchens, dessen einsames Leben keinen tieferen Sinn zu haben scheint. Um ihr ein Leben in Freiheit und Luxus zu schenken, beißt sie Lena und macht sie zu einem Mitglied ihres Vampirclans, zu dem noch die Technogöre Nora (Anna Fischer) und die 20er-Jahre-Stummfilmschauspielerin Charlotte (Jennifer Ulrich) gehören.

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Konkurrenz für Twilight? - Karoline Herfurth als Vampirlady in ‚Wir sind die Nacht‘

Fortan schlagen sich die vier Damen die Nächte in der angesagten Berliner Clubszene um die Ohren oder machen die Straßen in den heißen Schlitten der Zuhälter, denen sie schon das Blut ausgesaugt haben, unsicher. Und, wie Nora so schön das Vampirdasein beschreibt: „Wir können fressen, saufen, koksen und vögeln und werden weder fett, schwanger noch süchtig.“ Hier beginnt der Film aber leider sein großes Potenzial zu verschenken, denn es hätte eine großartige Parabel als Kritik an unserer Konsumgesellschaft werden können, deren Moral geheißen hätte ‚Luxus allein macht nicht glücklich! Auch nicht, wenn man unbesiegbar ist.‘

In der vermeintlichen neuen Freiheit ist Lena genau so eingesperrt wie in ihrem früheren Leben. Nicht nur, dass sie stets versucht, gegen ihrem Blutdurst zu kämpfen, weil sie eigentlich zu friedlich ist, um Menschen zu töten, auch sollte sie sich bestenfalls nicht verlieben, weil das etliche Probleme mit sich bringt. Das passiert natürlich trotzdem, denn als Lena immer mehr mit ihrer Existenz als Vampir zu kämpfen hat, gibt es nur einen, dem sie sich anvertrauen will, und das ist ausgerechnet der Polizist Tom (Max Riemelt). Den kennt sie noch aus ihren Tagen als Taschendiebin, und er arbeitet an einem Fall, in dem die Vampire nicht ganz unschuldig sind. Obwohl all diese komplexen Konflikte das zentrale Thema des Films zu sein scheinen, wird keiner von ihnen plausibel und konsequent dargestellt, sondern bloß oberflächlich angeschnitten.

Zwischen den vielen wahllos aneinandergereihten Szenen von koksenden, knutschenden, blasshäutigen Femmes fatales (die manchmal so aussehen, als entsprängen sie einem ‚TaTu‘- Musikvideo), nächtlichen Shoppingexzessen und waghalsigen Autorennen kommt nur selten durch, warum die Vampire eigentlich ein einsames, depressives und unerfülltes Leben führen. Das wird weder dadurch kompensiert, dass Jennifer Ulrich (sehr souverän) die stets unglückliche Charlotte mimt, die sich nach ihrer Familie sehnt, noch dadurch, dass ausgerechnet die naiv kindliche Nora zwei tiefgründige Zeilen über die Liebe fallen lässt.

Und obwohl die Schauspieler, allen voran Karoline Herfurth und Max Riemelt, einen wirklich fantastischen Job machen und Wandlungsfähigit und Authentizität beweisen, fehlt eben leider dem Drehbuch selbst die Glaubwürdigkeit. Anders als bei Bella und Edward in der ‚Twilight’-Saga ist die spärlich romantische Liebesgeschichte zwischen Lena und Tom nicht wirklich überzeugend. Auch wird nicht ganz klar, warum Louise sich ausgerechnet in Lena verliebt hat und die Eifersüchtige spielt.

Um all diese Spannungen einleuchtend aufzubauen und selbst auf subtile Weise präsentieren zu können, ist der Film leider zu voll gestopft mit Konflikten, die dann extrem simplifiziert werden. Weniger wäre hier sicherlich mehr gewesen. Aber ganz so schlimm sind die 100 Minuten Po-Plattsitzen dann nun doch nicht. Vor allem die Rechnung mit dem facettenreichen, teils mondänen, teils morbiden Berlin als Schauplatz einer Blutsaugerstory geht hervorragend auf. Und weil der Film etwas erwachsener daher kommt als die Twilight-Streifen, sind einige Szenen und hübsche Ideen dabei, in denen der Ekel grotesk ästhetisiert wird und die sicherlich dem einen oder anderen Vampirfan gefallen dürften. Ansonsten ist ‚Wir sind die Nacht‘ leider nur geeignet für den heimischen Mädelsabend.

Von Mihaela Gladovic

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