'Königin der Wüste': Nicole Kidman spielt in Werner Herzogs bildgewaltigem Biopic Gertrude Bell

Königin der Wüste

Kinostart: 03. September 2015
Genre: Biopic / Drama
Originaltitel: Queen of the Desert
Filmlänge: 129 Minuten

3,5 von 5 Punkten

Sie war Archäologin, Historikerin und eine der führenden Expertinnen des Nahen Osten: Gertrude Bell, gespielt von Nicole Kidman, die als "Königin der Wüste" und "heimliche Mutter des Irak" in die Geschichte einging. Sie trug maßgeblich zur Entstehung des Irak bei und kämpfte ihr Leben lang unermüdlich für ihre Überzeugungen und die Menschen des Nahen Osten – immer getrieben von der Fremde und der in ihr schlummernden Einsamkeit. In seiner bildgewaltigen Biographie widmet sich Arthouse-Legende Werner Herzog jedoch weniger dem politischen Erbe Gertrude Bells als vielmehr der außergewöhnlichen Persönlichkeit der gebürtigen Britin.

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Von Janina Lenz

Schon ihr Vorname verrät, was in dieser Frau steckt: Gertrude ist "die Starke", die, in der "Kraft" steckt. Doch genau diese Charaktereigenschaften versprechen zu Beginn des 20. Jahrhunderts alles andere als eine erfüllende Zukunft für Gertrude Bell (Nicole Kidman, 'The Hours'). Die wohlhabende Tochter eines britischen Industriellen wird in den ersten Minuten des Biopics 'Königin der Wüste' mit Puder und Schminke zurechtgemacht, die Hochsteckfrisur bezupft, bis sie "fabulous" aussieht – und das alles nur, damit sie in der Upper Class einen Ehemann finden kann. Dafür allerdings, so die Anweisung an Gertrude, müsse sie besser den Mund halten, um die Herren nicht mit ihrem Intellekt einzuschüchtern. Gertrude weiß, dass sie in die falsche Welt hineingeboren wurde. In eine Welt, in der sie als Frau adrett auszusehen, aber nicht ihre Meinung kundzutun hat.

Nicole Kidman und James Franco spielen in 'Königin der Wüste' Gertrude Bell (Nicole Kidman) verliebt sich in den mittellosen und spielsüchtigen Henry (James Franco).

Nicole Kidman glänzt in der Rolle der zielstrebigen, politisch engagierten Nahost-Expertin

Gertrude ist dieses Lebens überdrüssig. Sie bekniet ihren Vater, die Welt erkunden zu dürfen – und wird zu ihrem Onkel nach Teheran geschickt, wo dieser als britischer Botschafter arbeitet. Für ihre Verhältnisse ungewöhnlich schnell verliebt sie sich in den spielsüchtigen und mittellosen Botschaftssekretär Henry Cadogan (James Franco, 'The Interview'), doch ihr Vater Hugh (David Calder, 'Rush – Alles für den Sieg') verweigert der Heirat seine Zustimmung. Doch ihre Liebe, so der Tenor des Films, übersteht gesellschaftliche Dissonanzen – symbolisch dargestellt mit einer durchteilten antiken Münze, deren Hälften das Paar nur zusammen zu einer Einheit machen.

Doch als Henry bei einem Unfall ums Leben kommt, entschließt sich Gertrude, sich allem Privaten zu versagen. Getrieben von der Fremde und der in ihr schlummernden Einsamkeit zieht es die junge Frau in den Nahen Osten, um Menschen, Sitten und Gebräuche zu erkunden. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sie das Land und seine Leute näher erkunden, allen voran die Beduinenvölker. Sie etabliert sich als Archäologin und Forscherin und wird zur führenden westlichen Expertin für die Region.

Es ist sicherlich überraschend, dass der bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete deutsche Regisseur und Autor Werner Herzog ('Bad Lieutenant') sich das Leben der Forschungsreisenden Gertrude Bell als cineastisches Werk vorgenommen hat – schließlich inszenierte er in der Vergangenheit viele Filme, die eher dem Wahnsinn zugeneigt zu sein schienen: Das Biopic 'Tod in Texas' über den zum Tode verurteilten Mörder Michael Perry oder der Dokumentarfilm 'Mein liebster Feind' über das enfant terrible Klaus Kinski. Doch Werner Herzog schafft es, mit 'Königin der Wüste' nicht nur eine historische Biografie auf die Leinwand zu bringen, sondern auch ein prachtvolles Denkmal zu setzen.

Es ist vor allem die Atmosphäre des Films, mit der Herzog es schafft, die charakterliche Zerrissenheit Gertrude Bells zu zeichnen. Die Kameraeinstellungen, von Schwenks ins klare Wasser eines Wüstenflusses bis zu Fahrten an erhabenen Felswänden empor ermöglichen es, die Weite des Wüstenparadieses auch nur annähernd zu erfassen – und Gertrudes Staunen für diese Naturgewalt nachvollziehen zu können.

Nicole Kidman in der Rolle einer Mitte 20-jährigen Frau zu sehen erscheint zunächst zwar befremdlich – doch die Schauspielerin schafft es, die unterschiedlichen Ebenen ihres Charakters abzubilden. Sie glänzt als wissbegierige, selbstbewusste und zielstrebige Frau, die genau weiß, wann sie mit ihrer Schönheit weiterkommt und wann sie in politischen Verhandlungen Grenzen überschreiten muss. Dass ihre weiteren Liebschaften mit dem später als Lawrence von Arabien bekannt gewordenen Archäologen (Robert Pattinson, 'Wasser für die Elefanten') und einem britischen Offizier und Konsul (Damian Lewis, 'Homeland') dabei eher deplatziert wirken, kann vermutlich eher der fehlenden Chemie zwischen den Schauspielern zugeschrieben werden. Doch Nicole Kidman und Regisseur Werner Herzog transportieren mit dem Biopic die stille Überzeugung Gertrud Bells, mit ihrem Einsatz die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Bildquelle: Prokino Filmverleih
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