König der Hotdogs: "Nathan's" feiert 100. Geburtstag

Nathan's
Lloyd Handwerker, Enkel von "Nathan's"-Gründer Nathan Handwerker. Foto: Johannes Schmitt-Tegge © DPA

Für Marta Cedeño gehören die Würstchen längst zum Pflichtprogramm: "Wenn Du nicht bei Nathan's gegessen hast, bist Du nicht in Coney Island gewesen." In der Hand hält die 54-Jährige einen Pappteller mit zwei Hotdogs.

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Auf das knackig gebratene, zwischen zwei Brötchenhälften geklemmte Fleisch hat sie Sauerkraut gelegt und Senf geschmiert. Cedeño beißt ab, im Stehen, und ist zufrieden. Den berühmten Laden am Stadtrand von New York besucht sie, seit sie etwa fünf Jahre alt ist.

Kaum ein Gericht ist so sehr Sinnbild amerikanischer Fastfood-Kultur wie der Hotdog, und kaum ein Restaurant hat diesen simplen Snack von Straßenstand so berühmt gemacht wie das Restaurant in Coney Island. Über Jahrzehnte galt "Nathan's", wo am wenige Gehminuten entfernten Atlantik Möwen über die Strandpromenade segeln, als Institution. Der von einem polnisch-jüdischen Einwanderer gegründete Laden feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag.

Der in Galizien geborene Nathan Handwerker lernte früh, sich den Weg aus der Armut selbst zu bahnen. Mit elf Jahren begann der Sohn eines mittellosen Schusters, bei einem Bäcker Brot zu backen; als junger Mann schlich er sich über die Grenze nach Belgien, um der Wehrpflicht zu entgehen. 1912 wanderte er über die Niederlande in die USA aus.

Als Schuster arbeiten wollte er nach seiner Ankunft auf Ellis Island nicht. "Ich wollte kein Sklave in einer Fabrik sein", erzählte er seinem Enkel Lloyd Handwerker später, der die Geschichte des Unternehmens verfilmt hat. Auch der erste Versuch eines eigenen Hotdog-Restaurants schlug fehl. Aber als Handwerker seine Würstchen 1916 im Brot für 5 statt der bei der Konkurrenz üblichen 10 Cent anbot, strömten die Kunden zum Stand in Coney Island. "Nathan's" war geboren. Den Hotdog-Preis ließ er 30 Jahre lang unverändert.

Historische Fotos zeigen, was sich an der Theke des wachsenden Ladens in so mancher Sommernacht abgespielt haben muss: Heilloses Gedrängel, chaotisch geparkte Autos und Mitarbeiter, die die gebratenen "Franks" blitzschnell über den Tresen wandern ließen. Gangster Al Capone ließ sich hier ebens blicken wie Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem britischen Königspaar. Auch die Witwe des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, Jacqueline Kennedy, machte bei "Nathan's" Station.

"Es war der Hotdog seiner Zeit", sagt Enkel Lloyd Handwerker, der im Film ein Stück eigene Familiengeschichte nach mehr als 300 Stunden Interviewmaterial aufarbeitet. Nathan sei in Brooklyn ein "Gott" gewesen, hört man Zeitzeugen in der Dokumentation erzählen. "Es gab einen Babe Ruth im Baseball und einen Einstein in der Wissenschaft und einen Nathan in der Lebensmittelindustrie", resümiert einer.

Dass der auch als strenger Chef gefürchtete Unternehmer Teile der Familie vergraulte, mag die Kehrseite der harten Arbeitsmoral sein. Sohn Sol etwa öffnete seinen eigenen, erfolgreichen Hotdog-Laden in Manhattan, während dessen Bruder Murray die Expansion vorantrieb, gegen die Nathan Handwerker sich fast allergisch wehrte. Der Schritt zum börsennotierten Franchise-Unternehmen entpuppte sich als Flop. 1987 verkaufte die Familie das Traditionsunternehmen für 17 Millionen Dollar an eine Investorengruppe aus Long Island.

Mit 550 Millionen verkauften Hotdogs - ob in Restaurants, Stadien oder Supermarkt-Tiefkühlregalen - in allen 50 US-Staaten sowie elf weiteren Ländern ist vom alten "Nathan's" nicht viel mehr übrig als der Name. Randy Watts, Vizepräsident der Franchise-Geschäfte, sagt zwar, dass die beworbene Rezeptur immer noch die alte von Nathans Frau Ida sei. Enkel Lloyd ist sich nach Recherchen über 30 Jahre aber unsicher, ob seine Großmutter da überhaupt die Finger im Spiel hatte.

"Die Qualität ist nicht dieselbe, das ist unmöglich", sagt er. Das "Mom und Pop"-Restaurant sei jetzt ein internationales Unternehmen und samt dem jährlichen Hotdog-Wettessen am 4. Juli heute ein völlig anderes Geschäft. Aber vielleicht, sagt Lloyd Handwerker, sei vom alten Geschmack ja trotzdem noch etwas übrig geblieben. Kundin Marta Cedeño ist jedenfalls sicher: "Nathan's ist immer noch Nathan's."


dpa
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