Klassik mit Augenzwinkern - Paul Smith wird 70

Paul Smith
Der Designer Paul Smith steht für den traditionellen britischen Stil. Foto: cundo Arrizabalaga © DPA

"Gute Manieren kosten nichts" - das ist sein Motto. Dramen, Egos und Gebrüll - alle Klischees der Modewelt - liegen ihm gar nicht: "Ich verliere nie die Beherrschung", sagte Paul Smith der Tageszeitung "Guardian".

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Seine Bedeutung für die britische Modeindustrie - für die er im Jahr 2000 von der Queen zum Ritter geschlagen wurde - spielt er gern herunter. An diesem Dienstag (5.7.) feiert der Designer nun seinen 70. Geburtstag.

Geboren im Nachkriegsjahr 1946 in Nottingham, in eine liebevolle Familie mit einem leicht verschrobenen Vater, verlässt er mit 15 die Schule ohne Abschluss. Sein Vater zwingt ihn, einen Job als Laufjunge anzunehmen. Bis heute bedauert Smith seine mangelnde Bildung: "Ich neige dazu, mich unzulänglich zu fühlen, wenn ich bei einer Dinnerparty bin und die Themen komplizierter werden. Dann - fürchte ich - zieh' ich mir das Kostüm des Hofnarren über", sagte er dem "Guardian".

Zur Mode kommt er per Zufall. Als Teenager träumt er davon, professioneller Radrennfahrer zu werden. Doch mit 17 ist er in einen schlimmen Unfall verwickelt und muss sechs Monate im Krankenhaus bleiben. Zeit zum Nachdenken - und für neue Freunde: "Kunststudenten, die mich mit Mondrian, Warhol, Kokoschka und David Bailey vertraut machten. Das inspirierte mich." Smith wird zum Dandy.

Bis heute sammelt er Retro-Fahrradtrikots, die ihn vor allem wegen ihrer Schlichtheit inspirieren. "In den 1950er Jahren gab es eine wirklich schöne Kunstseide, die wahrscheinlich schrecklich zu tragen war, aber sehr gut aussah. Ich habe ein rosafarbenes Trikot aus der Zeit, das ich als Anregung für Herren- und Damenkleidung verwende", sagte er der "Creative Review".

1970 eröffnet er seine erste Boutique zusammen mit seiner damaligen Freundin - nun Ehefrau - Pauline Denyer. "Ohne sie wäre ich immer noch Verkäufer in Nottingham", sagte er dem Boulevardblatt "Daily Mail". Smith besucht abends Schneiderkurse und zeigt seine erste Herrenkollektion 1976 in einer Pariser Lagerhalle, in der er alte Sessel und Sofas platziert: "Meine allerbeste erste Reihe".

Und das Geheimnis seines Erfolgs? Er selbst sagte: "Ich bin ein ganz guter Designer und ganz ok als Geschäftsmann. Viele Leute in diesem Job vergessen die zweite Hälfte der Gleichung. Sie denken, VAT (die englische Mehrwertsteuer) stehe für Vodka and Tonic." Smith besitzt die Mehrheit an seiner Firma, das heißt, er kann entscheiden. Lagerhäuser, Ateliers und das Büro gehörten dem Unternehmen, so dass er nicht mal Miete zahlen müsse, sagte er kürzlich der "South China Morning Post".

Nach dem Brexit-Votum wird sich vermutlich auch Paul Smiths Engagement in Asien als klug erweisen: Er hat allein in Japan 200 Läden aufgebaut. Kurz nach der Finanzkrise 2008 sagte Smith dem "Guardian": "Der beste Weg, um eine Rezession zu überleben, ist zu seinen Überzeugungen zu stehen und weder niedrigen Preisen nachzugeben noch Kompromisse einzugehen. Aber denken Sie daran, wer Ihr Gehalt zahlt: Läden und Kunden."

Dominierte in der Männermode im vergangenen Jahrzehnt vor allem die figurbetonte, schmalgeschnittene Silhouette den Laufsteg, werden die Smith‘schen Hosenbeine nun weiter, und überlange Hemden und geräumige Pullover sorgen für mehr Bewegungsfreiheit.

Was hält ihn jung? Er bleibt nicht mehr lange auf und besucht Partys wie in seiner Jugend, sondern geht jeden Morgen um 5 Uhr 30 oder 6 Uhr schwimmen, egal wo er ist. Ein Morgenritual seit 1992. "Ich würde nicht sagen, dass es der beste Moment des Tages ist, aber ich mag das sehr gerne."


dpa
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